Nach der Entlassung von Trainer Horst-Dieter Strich im April 1989 bahnte sich im gleichen Monat mit dem neuen Hauptsponsor schon der nächste Streitpunkt an. Der bisherige Trikotsponsor Rheinmöve zog sich ins zweite Glied zurück und widmete sich der Jugendarbeit, während der Wormser Immobilienmakler Volker Schall für einen sechsstelligen Betrag auf der Brust der Spieler werben sollte. Die genaue Rolle des neuen Sponsors sorgte allerdings für Verstimmung. Ursprüngliche Idee Schalls war es, mit seiner Sportleragentur Spieler zu verpflichten und später gewinnbringend zu verkaufen. Insbesondere der geschäftsführende Vorsitzende Lothar Becker hatte hier etwas dagegen. Also einigte man sich auf eine normale Sponsorentätigkeit und Becker war Ende April zufrieden: „Jetzt haben wir klare Verhältnisse, kein Spieler bekommt von hinten herum Geld, alles läuft über den Verein.“
So klar sollten sich die Verhältnisse dann aber doch nicht erweisen. Schall schloss Verträge mit den Leistungsträgern Michael Kaiser und Frank Schuster, um diese mit der Aussicht auf Beteiligung an ihren Ablösesummen an den Verein zu binden und verpflichtete mit Slavko Klappan einen jugoslawischen Erstligaspieler. Falls einer der drei „irgendwann einmal“ Wormatia verlassen sollte, bekäme der Verein 42% der Ablösesumme, die dank Schalls Verhandlungsgeschick natürlich viel höher wäre als das, was der Verein je selbst erlösen könne. Und für jeden weiteren Wechsel eines anderen Spielers erhalte Wormatia immerhin noch 20%.
Zur Mitgliederversammlung Mitte Juni 1989 wurde diesbezüglich wieder zurückgerudert, die genannten Abmachungen für ungültig erklärt und die Tätigkeit Schalls auf eine normale Sponsorenschaft beschränkt. Der um Harmonie bedachte Präsident Rödler warb für die Zusammenarbeit: „Diese ist für uns kein Wagnis, sondern eine absolut kontrollierbare, vertragliche Angelegenheit.“ Die Wormser Zeitung hatte dennoch einige Ungereimtheiten ausgemacht und kommentierte: „Die Mitglieder haben Schall akzeptiert. Der Vorstand ist aber sicher gut beraten, wachsam zu bleiben.“ Bei Lothar Becker schrillten bereits jetzt sämtliche Alarmglocken. Der 2. Vorsitzende hatte keine Lust, erneut wie nach der Ära Heyn mögliche Scherben zusammenzukehren und trat folgerichtig zurück. Sein Nachfolger wurde der bisherige Liga-Obmann Manfred Brassen.
Die Unruhe in der Sommerpause war ein passender Vorbote, denn die Saison 1989/90 entwickelte sich zur absoluten Katastrophe. Das begann schon mit der Wahl des neuen Trainers, dem 30-jährigen Neuling Dr. Stefan Lottermann. Der gab zwar selbstbewusst die Meisterschaft als Saisonziel aus, kam aber mit den Spielern nicht zurecht und wurde nach verpatztem Saisonstart bereits nach vier Spielen entlassen. Auch sein Nachfolger Eckhard Krautzun, der Wormatia einst zur Herbstmeisterschaft in der 2. Bundesliga geführt hatte, konnte die Leistungen nur kurz steigern.
Mit satten 14 Punkten Rückstand auf Tabellenführer Mainz stand man nach der Hinrunde auf Platz fünf, weil die Mannschaft als Team nicht funktionierte. Von den acht Neuzugängen konnte nur Torwart Armin Reichel überzeugen. Mit den schwer zu integrierenden Jugoslawen Slavko Klappan und Milos Ljusic gab es zwischenmenschliche wie sportliche Verständigungsprobleme und auch die auf Drängen von Krautzun nachverpflichteten ehemaligen ghanaischen Nationalspieler Nana Eshun und George Arthur fanden sich nie wirklich zurecht. Dazu kam eine ganze Reihe von verletzungsbedingten Ausfällen, wobei insbesondere Goalgetter Schuster schmerzlich vermisst wurde. Dass einige „Stars“ von Sponsor Schall leistungsunabhängig kleine Gehaltsaufbesserungen bekamen, brachte zusätzliche Unruhe.
In der Winterpause ging es mit den Negativmeldungen nahtlos weiter. Nach internen Rangeleien und Verstimmungen war das Tischtuch mit Sponsor Schall endgültig zerschnitten und die Frage, wer wem nun noch Geld schuldete, bestimmte die Schlagzeilen. Außerdem holte sich der entlassene Trainer Lottermann vor Gericht eine Abfindung in Höhe von 30.000 Mark und schickte dem Verein die Steuerfahndung ins Haus, ein angedrohter Spielerstreik wegen verspäteter Spesenzahlungen kam ans Licht der Öffentlichkeit und im Rahmen der Planung für die neue Saison wurde Wormatia-Legende Peter Klag als 1b-Trainer eher unsanft abgesägt. Zuvor durfte er aber nochmal als Interims-Coach einspringen, denn Krautzun flüchtete Ende März 1990 zu Zweitligist Alemannia Aachen. Dass die gleichzeitig bekanntgegebene Verpflichtung von Reinhard Meier als Trainer für die kommende Saison erst einmal von Meier dementiert wurde, passte ins Bild des ins Chaos abdriftenden Clubs, der am Saisonende mit weitem Abstand zur Spitzengruppe Tabellensechster wurde.



Mittlere Reihe: Liga-Obmann Jürgen Krafczyck, Zeugwart Günter Reinhardt, Rainer Heilmann, Bernd Eck, Günter Braun, Jürgen Goschler, Co-Trainer Peter Klag, Trainer Dr. Stefan Lottermann, Geschäftsführender Vorsitzender Manfred Brassen.
Untere Reihe: Slavko Klappan, Stefan Glaser, Frank Schuster, Armin Reichel, Günter Knecht, Marc Bals, Frank Spölgen, Marc Schall, Präsident Helmut Rödler.
In der Saison 1990/91 kriselte es weiter, sowohl in der Führung als auch auf dem Platz. Manfred Brassens Rücktritt als 2. Vorsitzender konnte bis zur Mitgliederversammlung Ende November 1990 hinausgezögert werden, wo Gerhard Herbolsheimer, zuvor Vorsitzender des Wirtschafts- und Verwaltungsrates, zu seinem Nachfolger gewählt wurde. Dieser Rat war es auch, der unter der Federführung von Rheinmöve-Geschäftsführer Erich Kafitz und des ehemaligen 2. Vorsitzenden Lothar Becker ein hoffnungsvolles Sanierungskonzept für die mit mittlerweile rund 600.000 Mark verschuldete Wormatia vorlegte. Bis zum Saisonende fehlten noch 200.000 Mark, die man mit Beitragserhöhungen, Einsparungen im Oberligakader, Spenden und weiteren Aktionen decken wollte. Vom Verwaltungsrat erhoffte man sich auch eine Deckung des 70.000 Mark Fehlbetrages, der bereits für die kommende Saison eingeplant wurde. Der vor- und neu eingestellte Geschäftsführer Hans Mack, Vater von Spieler Steffen Mack, war allerdings bereits im Februar 1991 als „Fehlgriff“ (Kafitz) wieder Geschichte, da er unter anderem mit Trainer Meier aneckte.
Ebenfalls im Februar 1991 ging eine gut 20jährige Tradition zu Ende, denn die Frauenfußball-Abteilung schloss ihre Pforten. Hier jagten einige Angehörige der US-Army dem Ball nach und als diese, inklusive Trainer David Hammond, aus beruflichen Gründen den Verein verließen, waren nur noch neun Spielerinnen übrig. Schweren Herzens meldete Abteilungsleiterin Charlotte Hauck, 17 Jahre lang bei der Wormatia, die Mannschaft mangels Masse ab.
Bei den Männern in der Oberliga war die Stimmung besser, denn unter Leitung von Reinhard Meier stand die fast komplett neu zusammengestellte Mannschaft zur Winterpause dank guter Heimbilanz auf Tabellenplatz sechs und damit besser, als allgemein erwartet wurde. Grund zum Ärgern fand der Trainer mit Blick auf die Auswärtsschwäche, die chronische Ladehemmung, das „ständige Gemaule einiger fanatischer Besserwisser“ und die Trainingsbedingungen. In den Wintermonaten mühte sich die Mannschaft nämlich im dämmrigen Schummerlicht auf dem Schwimmbadgelände, wo das Laub wie Schmierseife wirkte und sich der ein oder andere Spieler verletzte. „Im Prinzip können wir nicht richtig, also nicht gezielt trainieren“, beklagte der Trainer und war für die Rückrunde skeptisch: „Da kann nichts rauskommen.“ Er sollte Recht behalten, eine derart rasante Talfahrt hatte er allerdings auch nicht kommen sehen: Nach der Winterpause wurden alle Heimspiele bis auf eines verloren, vor lauter Verletzungen waren teilweise nur noch sechs Spieler im Training. Tiefpunkt war dabei das 1:2 gegen Absteiger Hassia Bingen am letzten Spieltag vor nur noch 300 Zuschauern, der achten Niederlage in Folge. Nur das (deutlich) bessere Torverhältnis verhinderte letztlich, dass die Hassia den VfR (Platz 14) nicht mit in die Verbandsliga riss. Der tief enttäuschte Meier haderte mit Beleidigungen der Fans und mit seiner Mannschaft („Ich würd‘ mich schämen, wenn ich mitspielen würde – mein Ruf steht auf dem Spiel“), fand mit Torwart Armin Reichel, Libero Eckhard Lander und Youngster Markus Langendorf aber auch Positivbeispiele. Den krönenden Abschluss der Saison bildete das Pokalaus bei Verbandsliga-Kellerkind TSG Eisenberg.



Dass es trotz Vertragsverlängerung in der Winterpause nach dieser Talfahrt nicht mit Reinhard Meier weitergehen konnte, war offensichtlich. Für die Saison 1991/92 vertraute man wieder auf Heiner Ueberle als Trainer, der bereits von 1983 bis 1987 so erfolgreich beim VfR Wormatia gearbeitet hatte. Ihm zur Seite stand Co-Trainer Peter Klag, der zudem auch noch „sportlicher Leiter“ war und in dieser Position Oberligaelf, 1b und A-Jugend besser verzahnen sollte. Ein Trainergespann mit Vertrauensbonus für einen „neuen Abschnitt der Wormatia-Geschichte“, wie Präsident Rödler es bei der Pressekonferenz zum Rundenstart nannte. Durch Beitragserhöhungen, Unterstützung des VIP-Clubs, verringerte Kosten und hoffentlich wieder bessere Zuschauerzahlen, sah man auch finanziell besseren Zeiten entgegen. Unter diesen Eindrücken gründeten Horst Schneider, Michael Hoch, Michael Wörtche und Richard Breisch im August 1991 die IGW – Interessensgemeinschaft Wormatia. Damit sollte der Verein unterstützt werden bei der Durchführung von Aktionen, Werbemaßnahmen und Imageverbesserungen.
Bei den Neuzugängen wurde vor allem in der Offensive nachgelegt. Hier sollten Dieter Förster vom VfR Bürstadt (13 Tore) und Thomas Hagelauer vom ASV Nibelungen (9 Tore) überzeugen in einer Saison, die sportlich deutlich besser verlief als die letzte. Eine Welle der Begeisterung mit wieder vierstelligen Zuschauerzahlen trug die Wormatia in den Herbst und auf den zweiten Tabellenplatz, sodass man sich sogar traute, nach oben zu schielen. Doch kaum sah es sportlich endlich wieder rosig aus, wurden einmal mehr die leidigen Finanzen Thema. Die Spieler beklagten ausstehende Gelder und gebrochene Versprechen, boykottierten das Training und drohten einen Streik an, um den „unzuverlässigen und selten präsenten“ Vorstand wachzurütteln. Dieser fand sich ungerecht und von der Presse rufschädigend angegriffen und drohte geschlossen mit Rücktritt, schließlich finanziere er die Mannschaft zum Teil aus der eigenen Tasche. Präsident Rödler erinnerte an die große berufliche Belastung und an die in allen Mitgliederversammlungen geäußerte Bitte, den Vorstand zu entlasten. Jugendleiter Karl-Heinz Hesch erklärte sich zur Mitarbeit bereit und unterstützte künftig bei Werbung und Marketing. Die Wormser Zeitung, namentlich Roland Keth, ließ die Vorwürfe nicht auf sich sitzen:
„Selbstkritik oder schlüssige Erklärungen, warum den Verein plötzlich wieder akute Geldsorgen plagen, obwohl der Etat für diese Saison doch eigentlich abgedeckt sein sollte […] sucht man vergeblich. Stattdessen rührselige, vor Selbstmitleid triefende Verlautbarungen, konstruierte Vorwürfe, die von den eigentlichen Problemen ablenken […].“
vgl. Standpunkt – Die böse Presse!, in: Wormser Zeitung, 29. Oktober 1991
Die Krise spitzte sich schnell zu, Trainer Ueberle kündigte seinen Vertrag ebenso wie sein Co Peter Klag zum 31.12. und beklagte ernsthafte Differenzen mit dem Vorstand, wobei sich das ausdrücklich nicht auf Schatzmeister Benno Bremer bezog. Nach einigen Krisengesprächen mit Bremer als Vermittler zwischen Mannschaft, Trainer und Restvorstand, schien es dann doch gemeinsam weiterzugehen. Die große Euphorie war aber natürlich verflogen, was sich auch in den Ergebnissen bemerkbar machte.
Doch im Dezember 1991 zeigte sich, dass die finanzielle Lage tatsächlich weitaus dramatischer war, als vom Vorstand dargestellt. „Der Karren wurde nicht nur mit allen vier Rädern in den Dreck gefahren, auch das Ersatzrad steckt voll mit drin“, beschrieb es Lothar Becker als Sprecher des kurz danach gefrustet aufgelösten Wirtschafts- und Verwaltungsrats. Rund 300.000 Mark fehlten für die Rückrunde. Überschuldet sei die Wormatia jedoch nicht, da dem Verein, so Präsident Rödler, ja Vermögenswerte von über einer Million Mark gehörten – womit er neben den Ablösewerten der Spieler auch Büromittel, Einrichtungsgegenstände und anderes Tafelsilber meinte. Roland Keth empörte sich wieder in einem Kommentar:
„Fasching an Weihnachten. Taschenspielertricks für Anfänger. Halb Worms hat sich darüber totgelacht. Wie will man denn jetzt noch Gelder auftreiben, wenn der Traditionsklub über solche Reichtümer verfügt?“
vgl. Standpunkt – Fasching an Weihnachten, in: Wormser Zeitung, 13. Dezember 1991
Lothar Becker, der sich nach Auflösung des Rates gemeinsam mit Jugendleiter Karl-Heinz Hesch und Horst Schneider weiter um die Sanierung bemühte, zog sich wie schon zuvor Rheinmöve-Gönner Erich Breiding („Ich lehne die Mitverantwortung bei der Organisation von Glücksspielen ab.“) gefrustet zurück. Unter diesen Eindrücken verlor die Mannschaft beim Tabellenletzten Saar 05 Saarbrücken und die Unruhe steigerte sich noch angesichts der als Sparmaßnahme deklarierten Entlassungen von Markus Braden und Bernd Eck. Weil Ueberle und Klag ihre Mannschaft nicht im Stich lassen wollten, machten sie trotz allem weiter und gingen mit einem Rumpfkader ins neue Jahr. Verstärkt mit Rückkehrer Ralf Karb, der ein Jahr pausiert hatte, wurde die Saison mit großer mannschaftlicher Kameradschaft auf Platz 6 abgeschlossen und mit einem 7:0 gegen den TuS Hoppstätten in Bad Kreuznach sogar der Südwestpokalsieg gefeiert.
Das allerdings ohne Ueberle und Klag: Der Trainer ließ seinen Vertrag zum 31.03.1992 auslaufen, sein Co trat zwei Wochen später zurück. Nichts bewegte sich mit Blick auf die neue Saison, die schon für Ende Januar angekündigte Mitgliederversammlung ließ immer noch auf sich warten und Präsident Rödler spielte die Lage weiter herunter. „Der Mann muss weg,“ machte Kapitän Eckhard Lander öffentlich klar als Sprachrohr einer Mannschaft, die sich in der Schlussphase der Saison selbst trainierte, weil A-Jugend-Coach Hans Scheffel als Interimslösung von der Mannschaft nicht akzeptiert wurde. Rödler erklärte wie Gerhard Herbolsheimer und Benno Bremer den Verzicht auf eine erneute Kandidatur. Neuwahlen gab es in der Mitgliederversammlung am 21. April 1992 aber nicht, denn zu dieser wurde nicht fristgemäß eingeladen – womit Rödler erst zwei Stunden nach Versammlungsbeginn herausrückte. Der Abend geriet dadurch völlig aus den Fugen und endete in absolutem Chaos. Aufgrund der ausweglosen Situation wurde schließlich in der nächsten Mitgliederversammlung im Mai 1992 – wieder ohne Neuwahl – eine Dreier-Kommission (Karl-Heinz Hesch, Horst Schneider, Werner Block) eingesetzt, die sich einen Überblick über die Situation verschaffen sollte. Die Kommission fand neue Geldgeber, die seit Februar ausstehenden Gehaltszahlungen an die Spieler wurden beglichen und sie legte Planungen für einen „an den Realitäten orientierten Neubeginn“ vor. Das überzeugte sogar Kapitän Lander zu bleiben, der eigentlich schon einen Vertrag beim VfR Mannheim unterschrieben hatte. Doch entscheidend bessern sollte sich trotzdem nichts.



