
„Der ergebendst unterzeichnende erlaubt sich hiermit anzuzeigen, daß sich unter dem Namen „Wormatia“ ein Sport-Klub gebildet hat, der seine Spiele auf dem von Freiherr von Heyl genehmigten Platz hinterm Schildweg abhält. Anbei die Statuten und bitte ich im Namen des Vorstandes um Genehmigung derselben und alsbaldige Nachricht.“
1. Vorsitzender Franz Graf an das Hessische Kreisamt Worms am 27. Juni 1908, Stadtarchiv Worms (StAWo, Abt. 30 Nr. 220)
Mit diesen Worten unterrichtete der 1. Vorsitzende Franz Graf das Großherzogliche Hessische Kreisamt von der Gründung eines neuen Sportvereins. Kurz zuvor am 23. Mai 1908 hatte sich hierzu im Nebenzimmer von Jakob Gernsheimers „Hopfenblüte“ in der Speyrer Straße eine Reihe junger Männer zusammengefunden. Dies waren Karl Biegi, Jean Brosch, Daniel Götz, Franz Graf, Fritz Herbold, Josef Menger, Wilhelm Kratz, Heinrich und Johann Ruppert, Georg und Leonhard Stein, Adam Scharrer, sowie Emil und Wilhelm Schmidt. „Aus Liebe zum Fußballsport, zur Pflege der Freundschaft und Geselligkeit“ gründeten sie hier den Sportclub Wormatia 08.
Dem Lederball jagten die sportbegeisterten jungen Männer schon lange vorher nach, und zwar auf der „Aul“, einem Acker im sogenannten „Indianerviertel“ hinter den Hallen der Cornelius Heyl Lederfabrik unweit des Vorstadtbahnhofs am Schildweg (östlich der Bahnlinie in Verlängerung der heutigen Schildstraße). Immer dabei war der unverwüstliche Leonhard Stein, der sich auch am hartnäckigsten für die Gründung der Wormatia einsetzte und später viele Jahre einen Stammplatz in der Abwehr inne hatte. Als Spielplatz für den SC Wormatia 08 wurde die vertraut gewordene Aul beibehalten (im ersten Halbjahr 1909 zog man kurzzeitig auf den Platz am Wäldchen um), auf der sich auch bald die ersten Wettkämpfe abspielten. Zu dieser Zeit steckte der Wormser Fußballsport noch in den Kinderschuhen, während in den Nachbarstädten schon länger reger Betrieb herrschte. Eine ganze Reihe von Sportvereinen gab es trotzdem schon in Worms, so dass der „Neuling“ sich erst einmal behaupten musste. Am 19. Juli 1908 fand der erste „Großkampf“ statt:
„Die erste Mannschaft der Fußballabteilung des vor kurzem hier gegründeten Sportclub Wormatia hatte am Sonntag ein Wettspiel gegen den Fußballclub Germania (evangelischer Jünglingsverein Neuhausen) auszutragen, das mit 3:1 zu Gunsten Neuhausens endete.“
Wormser Zeitung, 22. Juli 1908
Die Feuerprobe war also bestanden. Am 9. August war die Aul Schauplatz leichtathletischer Wettkämpfe, an denen sich sämtliche Wormser Vereine, an der Spitze Lawn-Tennis-Klub und Alemannia 05, beteiligten. Das anlässlich dieser Veranstaltung stattgefundene Treffen mit Teutonia Worms konnte Wormatia mit 5:2 für sich entscheiden und errang damit den ersten Sieg. Der Süddeutsche Fußballverband zierte sich jedoch noch mit der Aufnahme der Wormaten in den offiziellen Spielbetrieb, auch wenn diese wiederholt darum baten. So spielte man zunächst als sogenannter „wilder Verein“ weiter, bis man sich endlich durch zwei Siege gegen die bereits dem Verband angehörende Revidia Worms (6:2 und 3:2) als tauglich genug bewiesen hatte und am 2. März 1909 aufgenommen wurde. Schon damals zeichneten sich die Wormaten durch Ehrgeiz und verbissenes Kämpfen aus, was den Verein rasch vorankommen ließ. Siege gegen die damals dominierende Ostava Osthofen (7:3) und weitere Achtungserfolge zeugten von den spielerischen Fortschritten der ersten Wormatia-Mannschaft:
Jean Brosch – H. Bauer, Leonhard Stein – Wilhelm Kratz (Spielführer), Daniel Götz, Theodor Reis – M. Koob, Henkel, Deisenroth, Georg Völker, Stiebing.




Bis Juli 1909 war die Mitgliederzahl auf 50 angewachsen, so dass eine zweite Mannschaft aufgestellt werden konnte. Bedeutend verstärkt wurde der Verein, mittlerweile geführt durch den Vorstand mit Heinrich Graf und Johann Brosch als 1. und 2. Vorsitzenden (zuvor Michael Scharrer und Jean Völker), im August durch den Zugang der Spieler W. Müller, Gustav Müller, Georg Ebert, Hans Keller und Fritz Eisemann. Am 10. Oktober ging man zum ersten Mal in der C-Klasse auf Punktejagd und konnte gegen Gegner wie Revidia und den Lawn-Tennis-Klub Worms, Hermania Mainz, Rüffelsheim und Arheilgen Siege einfahren. Man hatte sich also im ersten Jahr der Zugehörigkeit zum Süddeutschen Fußballverband sehr wacker geschlagen.
Der Spielbetrieb in Süddeutschland war aufgeteilt in die vier Kreise Nord (erfasste u.a. Frankfurt, Wiesbaden, Offenbach), Süd (Stuttgart, Karlsruhe, Straßburg), West (Kaiserslautern, Ludwigshafen, Metz) und Ost (Nürnberg, München). Die Kreise selbst waren unterteilt in je eine A-Klasse sowie mehrere B- und C-Klassen. 1912 wurden die Kreisligen als zusätzliche, nun höchste Spielklasse eingeführt. Aufsteigen konnte man, wenn man sich in einer Kreismeisterschaft gegen die übrigen B- bzw. C-Klassenmeister (genannt „Gaumeister“) durchsetzte. Nord-, Süd-, West- und Ostmeister der A-Klasse (bzw. ab 1912 der Kreisliga) trafen in der Süddeutschen Meisterschaft aufeinander und spielten einen Vertreter für die Deutsche Meisterschaft aus. Für die B- und C-Klasse gab es sogar eine eigene Süddeutsche Meisterschaft, hier trafen die ermittelten Aufsteiger in A-/B-Klasse aufeinander. Außer einem Pokal für den Trophäenschrank gab es dort aber keinen weiteren Anreiz, sodass seitens der Vereine kaum Interesse daran bestand (vergleichbar mit der späteren Amateurmeisterschaft in den 80ern). Wormatia gehörte zum Gau Mittelrhein im Westkreis.
Der Aufstieg des jungen Vereins ging stetig weiter, eine dritte Mannschaft wurde gestellt und langsam kam die Notwendigkeit einer eigenen Sportplatzanlage auf. So pachtete man am 10.11.1909 ein Ackergelände an der Frankenthalerstraße und zahlte der Witwe Schüttler hierfür jährlich 450 Mark. Im März 1910 konnte man bereits das hundertste Mitglied begrüßen, darunter auch den aus der Schweiz zugezogenen Otto Meßmer. „Der lange Otto“ erwies sich nicht nur als vornehmer Sportsmann, sondern wurde durch sein großes Können auch eine große spielerische Stütze der ersten Mannschaft. Auch im Vorstand gab es bald Einschneidendes, denn im August 1910 übernahm August Roth das Ruder und lenkte den Verein für die nächsten 13 Jahre. Damit war auch die erste Krise des Vereins gemeistert, denn der litt unter den zuvor fortwährenden Änderungen im Vorstand.

