Vom Tschammer- zum DFB-Pokal: Teil 2

1953: Neubeginn
Tschammer/DFB-Pokal

Neun Jahre nach dem letzten Pokalfinale kam der DFB der wiederholt geäußerten Forderung nach Wiedereinführung des Pokalwettbewerbes endlich nach. Im Januar 1952 gab eine Spielausschusssitzung grünes Licht, im April begann schon der Wettbewerb auf Bezirksebene.

Es wurde nicht, wie vor der Kapitulation üblich, im Jahresverlauf gespielt, sondern parallel zur Saison. Wie einst begann der Pokal zunächst auf regionaler Ebene, mit teils unterschiedlichem Modus. Während die Südwestvertreter schon im K.O.-Modus ermittelt wurden, richtete man in Süddeutschland sechs Gruppen mit Hin- und Rück- spiel ein. Ein regelmäßiges Südwestpokalendspiel sollte es aber erst ab 1973 geben: Der Südwestverband schickte meist mehrere Teilnehmer ins Rennen, so dass z.B. die beiden Halbfinalsieger qualifiziert waren und ein Endspiel daher - bis 1973 - als unnötig empfunden wurde.

Bezüglich des Reglements war man sich noch nicht ganz so einig. So galt z.B. in den ersten regionalen Runden wie bis 1944 üblich die Sudden-Death-Regel, die während des laufenden Wettbewerbs allerdings zugunsten der 30-Minuten-Verlängerung abgeschafft wurde.

Wormatia sorgte auch gleich für Furore, schlug man doch Reutlingen, Trier und Offenbach. Doch Alemannia Aachen verhinderte den Traum vom Finale und kegelte den VfR im Halbfinale vor 20.000 Zuschauern im Ludwigshafener Südweststadion aus dem Wettbewerb. Den Pokal in Händen halten durfte aber Rot-Weiß Essen. Es war die, nun in DFB-Pokal umbenannte, Tschammer-Trophäe. Sie hatte die Kriegs- und Nachkriegswirren sicher beim letzten Pokalsieger Vienna Wien überstanden und war pflichtgemäß wieder zurückgegeben worden. Allerdings musste der DFB vorher noch eine DFB-Plakette über das Hakenkreuz pfrimeln (siehe Bild...). 

1954-1961: Der Pokal siecht dahin

Aus den Terminproblemen der Vorsaison und der bevorstehenden Fußball-WM in der Schweiz hatte man im DFB-Hauptquartier die völlig falschen Schlüsse gezogen und den DFB-Pokal zu einem lächerlichen Rumpfwettbewerb verkommen lassen. Nahmen in der Premierensaison 1953 noch 32 Mannschaften teil, so waren es 1954 nur noch acht (!): Die regionalen Pokalsieger, der Amateurmeister und die beiden Teilnehmer des Endspiels um die Deutsche Meisterschaft.

Vor allem das Salz in der Suppe - Überraschungsteams - fehlte völlig. Kein Wunder, denn in den regionalen Vorrunden setzten sich durchweg die Favoriten durch. Dazu gesellte sich die überaus obskure Regelung, die beiden Finalisten um die deutsche Meisterschaft sowie den Amateurmeister zu "setzen", was den Pokalgedanken regelrecht mit Füßen trat.

Kaum war die WM beendet, konnte auch wieder "normal" um den Pokal gespielt werden. 32 Mannschaften nahmen 1954 teil und man kehrte zum ursprünglichen Format zurück. Dass der Wettbewerb dennoch wenig Resonanz erfuhr, zeigte sich bereits in den regionalen Vorrunden, deren Ergebnisse von den Printmedien nur bruchstückartig genannt wurden und deshalb nicht komplett vorliegen. Keines der Fußball-Fachblätter befand es im Sommer 1954 offenbar nötig, über diese Begegnungen zu berichten oder auch nur die Ergebnisse zu nennen. Im Süden ließ man den Pokal sogar völlig ausfallen und nominierte kurzerhand die acht besten Oberligisten für die 1. Hauptrunde. Ein Jahr später schickte man dort der Einfachheit halber den amtieren Pokalsieger Karlsruher SC, der prompt seinen Titel verteidigte - im halbleeren heimischen Wildpark.

1956 schien der Tiefpunkt gekommen. Vier Jahre nach seiner Wiedereinführung fristete der Pokal nur ein Schattendasein und die "Hauptrunde" begann bereits mit dem Halbfinale - qualifiziert waren nur die Pokalsieger West, Nord und Süd, Südwest und Berlin mussten sich in einer Qualifikation gegenseitig eliminieren. Kurz: Mit dem Pokalwettbewerb 1955/1956 wurde ein bis 1960 anhaltender Niedergang eingeleitet, der dem gesamten Wettbewerb um ein Haar die Existenz gekostet hätte.

Im Grunde genommen hatte der Pokal lediglich auf Lokalebene einen gewissen Reiz, vom eigentlichen Charakter eines bundesweiten Wettbewerbs war nicht mehr viel zu sehen. Bezeichnend, dass sich beim Endspiel 1959 in Kassel kein einziger Vertreter des DFB-Vorstands blicken ließ. Das Endspiel lautete übrigens Schwarz-Weiß Essen gegen Borussia Neunkirchen (5:2). Die großen Vereine hatten scheinbar auch kein großes Interesse mehr. Ein Jahr später hätte gar der FK Pirmasens im Finale gestanden, doch beim 4:3-Sieg im Halbfinale gegen den KSC (vor 1.500 Zuschauern!) setzten der FKP einen nicht spielberechtigten Spieler ein... Das Wiederholungsspiel ging verloren.

Die Wormatia blieb in dieser Zeit, mangels Südwestpokalsiegen, natürlich außen vor. Ab und zu schickte man aufgrund der Bedeutungslosigkeit des Pokalwettbewerbs nur eine B-Elf. Nur 1957 war es fast soweit: Im Südwestpokalfinale unterlag man aber vor 10.000 Zuschauern dem 1. FC Saarbrücken mit 1:2.

1961-1972: Der DFB hat ein Einsehen
DFB-Pokal ab 1965

1961 hatte der DFB endlich ein Einsehen. Nun gab es wieder einen "richtigen" Pokal mit 1. Hauptrunde (Achtelfinale), Viertelfinale, Halbfinale und Finale. 16 Mannschaften nahmen teil, davon drei aus dem Südwesten. Wormatia war nicht dabei, im Südwestpokal war man bereits in der 1. Runde gegen Bingen rausgeflogen...

Der neue Modus wirkte sich auch positiv auf die Zuschauerzahlen aus - die Spiele der ersten Runde 1962 sahen im Schnitt 10.500 Zuschauer. Das Endspiel 1963 (Hamburger SV geg. Borussia Dortmund 3:0) sahen 60.000 Menschen, so viele wie seit Kriegsende nicht mehr.

1964, nach Einführung der Bundesliga, wurde der Pokal noch einmal um eine Runde aufgestockt. Die damals 16 Bundesligisten waren automatisch qualifiziert, weitere 16 Teilnehmer mussten den gewohnten Weg über den Regionalpokal gehen. Bei der Gelegenheit gab DFB-Präsident Peco Bauwens auch gleich eine neue Pokal-Trophäe in Auftrag, die alte erinnerte ihn zu sehr an den Nationalsozialismus. Die heute noch verwendete Trophäe wurde zum ersten Mal 1965 an Borussia Dortmund überreicht. Der vom Kölner Künstler Wilhelm Nagel entworfene, rund 52cm hohe Pokal, wiegt 5,7kg und bietet Platz für 8 Liter Bier. Sein materieller Wert wird von Kunstexperten auf mindestens 100.000 Euro geschätzt.

Wormatia konnte nun auch wieder mehr von sich reden machen, da der Südwesten jetzt meist drei Teilnehmer stellte. 1962 verpasste man die Qualifikation knapp, durch ein 0:1 nach Verlängerung gegen Saarbrücken. 1964 dann aber gelang die erste Qualifikation seit 11 Jahren mit einem 3:2 gegen Neunkirchen und im Folgejahr gelang nicht nur die Revanche gegen Saarbrücken, man schaffte es auch ins Achtelfinale (0:2 gegen Stuttgart).

In den folgenden drei Jahren scheiterte man im Südwestpokal nacheinander in Alsenborn, Plaidt und Oberlahnstein - außer in Alsenborn immer in der ersten Runde. Dann musste ein Entscheidungsspiel gegen Speyer her, um sich letztlich erfolgreich für den DFB-Pokal 1969 zu qualifizieren. Die folgende 2:3-Niederlage gegen Preußen Münster in der 1. Hauptrunde hätte man fast verhindert: Direkt nach dem Anschlusstreffer verballerte Belzer einen Elfmeter.

Es folgten wieder drei Jahre ohne Pokalteilnahme, die Stolpersteine hießen diesmal Neuwied, Homburg und mal wieder Saarbrücken.

1972-1974: Eine Schnapsidee zerstört sämtliche Amateurhoffnungen

Seit Jahren wurde gefordert, den Pokal auf 64 Mannschaften auszudehnen, damit mehr Amateurteams eine Chance erhalten. Und wie reagierte der DFB? 1972 führte er Hin- und Rückspiele ein (Auswärtstore zählten nicht doppelt) und raubte den Amateuren damit jegliche Chancen auf ein Weiterkommen. Da gelang Fortuna Köln ein Sensationssieg gegen die Bayern und im Rückspiel setzte es eine standesgemäße 0:6-Niederlage. Das gleiche Schicksal ereilte Schweinfurt 05 (1:0 und 1:6 gegen Eintracht Frankfurt) und Holstein Kiel (5:4 und 1:7 gegen Hannover). Die Fußballkrise (Bundesligaskandal) wurde durch diese Regelung nur noch unnötig verschärft. Glücklicherweise kehrte man schon zwei Jahre später zum alten Modus zurück, bedingt auch durch die Einführung der 2. Bundesliga.

Wormatia kam 1973 selbst auch in den Genuss von Hin- und Rückspiel. Im Hinspiel lag man gegen den VfL Bochum nach einer halben Stunde bereits 1:4 zurück, kämpfte aber unaufhörlich und eine Viertelstunde vor Schluss gelang der 4:4-Ausgleich. Nach dem alten Modus hätte eine, sicher unheimlich spannende, Verlängerung gefolgt. So aber verlor man das Rückspiel in Bochum mit 1:3.

1974-1983: Dauergast als Zweitligist
20.000 sahen das 0:3 gegen den frischgebackenen Deutschen Meister

Ab 1973/1974 ging es wieder im gewohnten Modus zu Gange, allerdings ohne Wormser Beteiligung. Zumindest machte ein gewisser Rudi Kargus im Achtelfinale Schlagzeilen, als er im Elfmeterschießen beim Wiederhlolungsspiel HSV-Gladbach gleich drei Elfer parierte. Außerdem gab es eine Besondertheit: Zuvor waren die regionalen Pokale quasi eine Vorrunde zum DFB-Pokal - die beiden Halbfinals im Südwestpokal fanden Ende Oktober 1973 statt, die 1. Hauptrunde des DFB-Pokals einen Monat später. Zeitgleich ließ der SWFV allerdings einen weiteren Regionalpokal durchführen, dessen Sieger sich für den Pokalwettbewerb im Folgejahr qualifizierte. Also qualifizierten sich die Halbfinalsieger des ersten Südwestpokals (Mainz und Neuendorf) für die 1. Hauptrunde des DFB-Pokals 1974 und der Sieger des zweiten Südwestpokals (FC Rodalben) für die 1. Hauptrunde des DFB-Pokals 1975. Die Angabe des SWFV, der FC Rodalben sei "Südwestpokalsieger 1973/1974" ist vor diesem Hintergrund daher etwas verwirrend. Zu diesem Zeitpunkt trat also die Qualifikation ein, wie wir sie heute gewohnt sind: Der Gewinn des Südwestpokals berechtigt zur Teilnahme am DFB-Pokal im Folgejahr.

Die Einführung der (zweigleisigen) 2. Bundesliga führte dazu, dass nun 58 Proficlubs automatisch qualifiziert waren - und zu einer Rekordteilnehmerzahl von 128 Mannschaften. Dummerweise hatte es der DFB übersehen, die bewährte Regelung "Amateure haben immer Heimrecht" zu übernehmen. Wormatia als Gründungsmitglied der 2. Ligen war natürlich ebenfalls automatisch qualifiziert, scheiterte allerdings gleich an 1860 München. Die Teilnehmerzahl von 128 hatte bis zur Einführung der eingleisigen 2. Bundesliga Bestand, ab 1982/1983 waren es wieder 64. Für die Amateure war das natürlich ein harter Schlag.

Im Zeitraum 1974 - 1983 spielte Wormatia zumeist zweite Liga und war damit im DFB-Pokal gesetzt - lediglich 1974 und 1978 durfte man nur zusehen. Die Teilnahme 1977 sicherte man sich dabei nicht durch die Meisterschaft in der Saison 1975/1976, sondern durch den Gewinn des Südwestpokals. Bei insgesamt acht Teilnahmen überstand man sechs Mal die erste Runde. In diesen Zeitraum fielen auch der denkwürdige Flutlichtausfall im Berliner Olympiastadion sowie Spiele gegen Braunschweig, Hertha BSC (Zander hält einen Foulelfmeter in der 115. Minute), den amtierenden Deutschen Meister Hamburger SV (vor 20.000 Zuschauern) und den VfB Stuttgart. Gegen letzteren schied man 1983 gar erst im Achtelfinale aus und verabschiedete sich danach endgültig von der bundesweiten Fußballbühne.

1984-heute: Ausnahme statt Gewohnheit

Gerade hatte sich Wormatia für fünf Jahre vom DFB-Pokal verabschiedet, da blühte dieser richtig auf. Die Halbfinalspiele 1984 waren vielleicht das dramatischste, was der DFB-Pokal bisher erlebt hatte. Zuerst siegte Gladbach in einem Herzinfarktspiel mit 5:4 nach Verlängerung gegen Werder Bremen und nur 24 Stunden später lieferten sich Schalke und Bayern ein Jahrhundertspiel, das nach 120 Minuten 6:6 (!) endete. Und ein Jahr später schaffte der Oberligaclub SC Geislingen eine 2:0-Sensation gegen den amtierenden Deutschen Meister Hamburger SV. Trotzdem war der Pokal immer noch kein Publikumsrenner: 1987 kamen zu den Erstrundenspielen im Schnitt nur 4.500 Zuschauer. Auch das Wormatia-Stadion blieb eher leer, allerdings war der 1. FC Saarbrücken 1989 auch nicht der attraktivste Gegner.

1992 wurde es dann nochmal kompliziert. Durch die Wiedervereinigung mussten die ehemaligen DDR-Vereine in den DFB-Pokal integriert werden. Daraus folgten zunächst eine Vorqualifikation der Ost-Vereine und anschließend eine 1. Hauptrunde mit 40 Freilosen um in der 2. Hauptrunde auf 64 Mannschaften zu kommen. Es sollte noch zwei Jahre dauern, bis sich der Pokal normalisierte und auf handliche 64 Teilnehmer kam. In der Zwischenzeit kam auch Wormatia in den Genuss eines Freiloses: 1993 traf man erst in der 2. Runde auf Fortuna Düsseldorf. 2.500 Zuschauer sahen den bis jetzt letzten Wormatiaauftritt  im DFB-Pokal (2:4). Von den damaligen Spielern trägt sogar heute noch einer das Wormatia-Trikot - der 21jährige Volker Berg erzielte damals das zwischenzeitliche 2:3.

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Christian Bub
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