Vom Tschammer- zum DFB-Pokal: Teil 1

"Ein richtig aufgezogener Pokalwettbewerb kann den Klubs während der meisterschaftslosen Zeit die Beschäftigung bringen, die sowohl für die Erhaltung der Form, wie auch für die materielle Erhaltung der Vereine notwendig ist. Er kann darüber hinaus aber auch dem Fußballsport neue Massen und andere Vorteile zuführen."
Zeitschrift "Fußball", 1934

"Ein Pokalwettbewerb nach englischem Vorbild"

Was bisher wegen regionaler Eigenbrötelei gescheitert war, machten ausgerechnet die Nazis möglich. Nachdem diese die Landesverbände liquidiert hatten, war der Weg frei für einen deutschen Pokalwettbewerb nach dem Vorbild des englischen FA-Cups. Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten (Bild) höchstpersönlich stiftete die Trophäe und gab ihr auch den Namen: "Von-Tschammer-Pokal". Wormatia war als Gauligist zur Teilnahme verpflichtet.

Im Januar 1935 begannen die Ausscheidungsspiele auf Kreisebene. Da der Wettbewerb als ein über das gesamte Kalenderjahr laufender konzipiert wurde, begann er also in der Saison 34/35 (auf lokaler Ebene) und endete in der Saison 35/36. Dieser Modus wurde bis zum kriegsbedingten Ende (1944) beibehalten.

Die Ermittlung des Pokalsiegers

Die Ermittlung des Pokalsiegers erfolgte über Vor-, Zwischen-, Haupt- und Schlussrunden. In den vorgesehenen drei Vorrunden (je nach Beteiligung auch weniger) spielten zunächst die Kreisklassenvereine innerhalb ihrer Kreise unter sich. Die aus der letzten Vorrunde als Sieger hervorgehenden Kreisklassenmannschaften wurden dann zusammen mit den Bezirksklassenmannschaften ihres Gaues in den Zwischenrunden gepaart. Es waren ebenfalls drei Zwischenrunden vorgesehen, bei Bedarf gab es eine Vierte.

Die nächste Stufe bildeten die Hauptrunden. In diesen spielten die Sieger der letzten Zwischenrunde sowie die Gauligisten, mit Ausnahme der Gaumeister (die automatisch für die Schlussrunde qualifiziert waren). Wormatia als Gauligist griff also frühestens hier in den laufenden Pokalwettbewerb ein. In der Hauptrunde wurden mehrere Gaue zu Gaugruppen zusammengefasst, was zu Paarungen über die Gaugrenze hinweg führte und den Fans und Vereinen neue Gegner und damit attraktive Spiele liefern sollte. In den drei Hauptrunden wurden schließlich die Vereine ermittelt, die dann zusammen mit den Gaumeistern in den Schlussrunden zum Kampf um den Pokalgewinn antraten.

Die 1. Schlussrunde wurde stets mit 64 Mannschaften bestritten und entspricht in etwa der 1. Hauptrunde des heutigen DFB-Pokals. Die sechste und damit letzte Schlussrunde bildete das Endspiel, in dem dann der deutsche Pokalsieger gekrönt wurde.

Das Reglement - Manipulation und Willkür

Die Paarungen der Spielgegner in den Vor-, Zwischen- und Hauptrunden sollten gemäß der Spielordnung öffentlich ausgelost werden. Die Spiele der Schlussrunden dagegen waren "aus Zweckmäßigkeitsgründen" vom Bundesspielwart festzulegen. Doch schon nach dem ersten Pokaljahr wurde diese Regelung geändert: Von nun an konnte jede Runde entweder gelost oder gesetzt werden. Gerade das Setzen der Gegner war in der Folgezeit einer der Hauptangriffspunkte der Kritiker. Sie sahen darin eine Möglichkeit, die Spiele zu manipulieren und durch gezielte Paarungen einzelne Mannschaften zu bevorzugen, vor allem aber auch den Verlust außergewöhnlicher und unerwarteter Paarungen, die gerade bei Pokalspielen den besonderen Reiz ausmachen. Und die Kritiker hatten Recht, denn die Nazis setzten die Teams willkürlich nach ihren Vorstellungen gegeneinander an, wobei nicht nur geographische Aspekte eine Rolle spielten. Es wurde manipuliert und nach der Okkupation wurden die Vereine der besetzten Gebiete germanisiert und zur Teilnahme am Pokal gezwungen, aber alles andere als begünstigt, vor allem wenn sie spielstärker waren.

Die Durchführungsbestimmungen sahen weiterhin vor, dass unentschieden ausgehende Spiele verlängert werden sollten, bis ein Tor fiel, höchstens aber zweimal 15 Minuten. Diese "Sudden Death" genannte Regel war zu diesem Zeitpunkt weltweit einzigartig und wurde in keinem anderen nationalen Sportwettbewerb angewandt. 1996 verhalf die FIFA dem Sudden Death unter dem Decknamen "Golden Goal" zu einem wenig erfolgreichen Comeback. Stand eine Partie auch nach 120 Minuten noch unentschieden, so wurde sie wiederholt, gegebenenfalls auch wieder unter Verlängerung. Trat dann immer noch keine Entscheidung ein, so musste das Los den Sieger ermitteln.


Die Durchführungsbestimmungen für den Pokalwettbewerb waren einfach, klar und leicht verständlich. Trotzdem wurde oft gegen sie verstoßen und das teilweise in einem Ausmaß, das aus heutiger Sicht geradezu grotesk wirkt. So nahmen wiederholt Gauligisten schon an den Zwischenrunden teil, obwohl diese für die Hauptrunden gesetzt waren und an den Hauptrunden nahmen in einigen Fällen Gaumeister teil, obwohl diese automatisch für die Schlussrunde qualifiziert waren. Selbst die eindeutige Regelung bei unentschiedenen Spielen wurde verletzt. So wurde im Halbfinale 1939 zwischen Waldhof Mannheim und Wacker Wien einfach noch ein zweites Wiederholungsspiel angesetzt, ehe das Los entscheiden musste. Und im Spiel Wolfenbüttel gegen Hannover vergaß der Schiri die Sudden-Death-Regel...

Wormatias Rolle im Tschammerpokal

1935 musste sich Wormatia zunächst über die Stationen Bürstadt, Saarbrücken und Dieburg für die Schlussrunde qualifizieren, dort traf man auf den FC Egelsbach, der kein größeres Problem darstellte (3:0). Doch schon in der nächsten Runde war beim SV Waldhof Endstation. Richtig auftrumpfen konnte man dann aber als amtierender Südwestmeister ein Jahr später: Nach Siegen gegen Friedberg, Vingst, Pforzheim, Benrath und dem Finale vor Augen, folgte (ohne die fehlenden Stammstürmer Busam und Fath) das Aus im Halbfinale beim späteren Pokalsieger VfB Leipzig. Auch im Folgejahr war man erfolgreich, erst im Achtelfinale wurde man vom BC Hartha kämpferisch deutlich in seine Schranken verwiesen.

1938 musste Wormatia wieder über den Umweg der Qualifikation und vermasselte diese tatsächlich nach Siegen gegen Walldorf und Frankenthal bei Opel Rüsselsheim. Als Südwestmeister 1939 wieder automatisch wieder qualifiziert, setzte es in der 1. Runde beim VfL Köln eine 0:9-Blamage. Diese dürfte noch 14 Jahre in Erinnerung geblieben sein, denn es war das letzte Auftreten in der Schlussrunde bis zur Einführung des DFB-Pokal 1953.

Der Ausbruch des zweiten Weltkriegs 1939 bedeutete gleichzeitig das Ende der glorreichen Wormatia-Ära mit 9 Meisterschaften, 3 Pokalsiegen und 11 Teilnahmen an der Deutschen bzw. Süddeutschen Meisterschaft. Viele Spieler mussten an die Front und Wormatia konnte sich sportlich nicht mehr sonderllich hervortun, auch nicht im Tschammer-Pokal: 1940 scheiterte man in der Hauptrunde wieder an Rüsselsheim (allerdings eine Runde früher), 1941 an Frankfurt, 1942 an Mannheim, 1943 Weisenau und 1944 in Biblis.

Krieg und Fußball

Unnachgiebig und allen Widrigkeiten zum Trotz (die Begegnung RW Frankfurt gegen VfL Köln 1941 z.B. musste wegen Fliegeralarm abgebrochen werden), wurde der Fußballbetrieb während des Krieges durchgezogen. Doch am 4. August 1944 kam das Aus. "Die Reichsmeisterschaften im deutschen Sport werden eingestellt. Dadurch entfallen auch die Ausscheidungsspiele zum Tschammer-Pokal", hieß es in der gemeinsamen Kriegsausgabe des Kicker/Fußball. Zwei Tage später hätte die Qualifikationsrunde beginnen sollen.

Vor dem 2. Weltkrieg war der Erfolg der einzelnen Mannschaften im Pokalwettbewerb meist ein Zeichen für die geleistete gute Arbeit im Verein. Dies änderte sich dann während des Krieges wesentlich. Die meisten Mannschaften büßten zahlreiche Spieler durch Einberufungen zum Militärdienst ein, veränderten ihr Gesicht ständig und verloren dadurch oft erheblich an Spielstärke. Eine Reihe von Vereinen konnte dagegen bis weit in den Krieg hinein nahezu mit ihrer Vorkriegsmannschaft spielen. Für einzelne Lücken, die hin und wieder gerissen wurden, standen oft gleichwertige, mit Glück sogar bessere Gastspieler zur Verfügung. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass solche Mannschaften sich in den Kriegsjahren oft mit in den Spitzenpositionen postierten.

Während der Kriegsjahre war der Ausgang der Pokalspiele oft sehr von Zufälligkeiten geprägt. Nicht selten standen einer Mannschaft plötzlich über Nacht wichtige Spieler nicht mehr zur Verfügung, wusste man am Samstagabend noch nicht, welche Spieler am nächsten Tag auf das Spielfeld auflaufen konnten, und nicht selten brachte man am Spieltag noch nicht einmal elf Spieler für eine Mannschaft zusammen, so dass häufig Mannschaften kampflos aus dem Wettbewerb aussteigen mussten. Es trat aber auch der Fall ein, dass sich eine Mannschaft überraschend durch Urlauber verstärken konnte. So erklären sich auch viele der wechselhaften Spielergebnisse, die oft auch mit hoher Tordifferenz verbunden waren.

1935-1944 - Eine Bilanz

Die Autoren Dr. Horst Sachse, Gerhard Raschke und Dr. Ludwig Gerspacher ziehen in der Fachzeitschrift "Libero" des IFFHS Bilanz:

"Wenn man nun ein kurzes Resümee über die ersten zehn Jahre der Spiele um den deutschen Vereinspokal zieht [...] so muss man feststellen, dass der neue Pokalwettbewerb in diesem Zeitraum die erhoffte Popularität nicht in dem gewünschten Umfange erreicht hat, schon gar nicht die Begeisterung, wie sie in Großbritannien, Frankreich, Ungarn oder anderswo schon herrschte.

Um eine ähnliche Anteilnahme zu finden, war sicher einerseits die Zeit zu kurz, zumal von den neuneinhalb durchgeführten Wettbewerben nur die ersten in Friedensjahren, die weiteren in der faschistischen Okkupationszeit und schließlich unter sich ständig verschärfenden Kriegsbedingungen abgewickelt werden mussten. Für die anfängliche Reserviertheit dem neuen Pokalwettbewerb gegenüber, die sich vor allem in der verhältnismäßig geringen Teilnahme von Kreisklassenvereinen - im ersten Jahr hatte nicht einmal die Hälfte von ihnen gemeldet -, in der geringen Zuschauerresonanz und dem zurückhaltenden Interesse der Medien äußerte und insb. in den Vor-, Zwischen- und Hauptrunden sichtbar wurde, gab es eine Reihe von Gründen [...].

Für viele Kreisklassenvereine war die mit den Pokalspielen verbundene finanzielle Belastung recht groß, vor allem dann, wenn nach erfolgreicher Absolvierung der Vorrunden bei den Zwischenrundenspielen größere Reisewege zu bewältigen waren. Die Zwischenrundenspiele fanden zu einem Zeitpunkt statt, zu dem die Gaumeister ihre Endrundenspiele zur Ermittlung des Deutschen Meisters austrugen. Diese Spiele zwischen deutschen Spitzenmannschaften waren für die fußballbegeisterte Öffentlichkeit weit interessanter als Pokalspiele zwischen Kreis- und Bezirksklassenvereinen.

In dieser Zeit waren auch in den Staffeln der Kreis- und Bezirksklasse die Meisterschaftsspiele in das über Aufstieg und Abstieg entscheidende Stadium geraten [...]. Den daran beteiligten Vereinen war natürgemäß ein Aufstieg [...] viel wichtiger [...]. Deshalb haben wiederholt gerade spielstarke Vereine der Bezirksklasse, die als Staffelsieger um den Aufstieg zur Gauliga kämpften, auf die Teilnahme an den Pokalspielen überhaupt verzichtet, ihre Teilnahme mitten im Wettbewerb abgebrochen oder gar nur ihre Reservemannschaft zum Pokalkampf entsandt.

Die Schlussrundenspiele mussten dagegen weniger die Konkurrenz von Meisterschaftsspielen, die sich zu diesem Zeitpunkt noch am Anfang der neuen Spielzeit befanden, befürchten. Die Pokalspiele traten jetzt stärker in den Vordergrund. Sie wurden in der Regel fußballerisch besser und interessanter, nachdem  sich in den vorangegangenen Hauptrunden weitgehend die Spreu vom Weizen getrennt hatte. Außerdem  griff nun auch der Beste eines jeden Gaues, der Gaumeister, mit ein.

In den meisten Fällen gehörten die Spielpartner verschiedenen Gauen an und trafen ansonsten nicht oder nur äußerst selten aufeinander. Diese Spiele trugen somit auch den Reiz des Neuen. Trotzdem blieben die Zuschauerzahlen in den ersten beiden Schlussrunden oft hinter denen von Punktspielen zurück. Eine deutliche Steigerung des Interesses und damit auch beträchtliche Zunahme der Zuschauer war ab [...] dem Achtelfinale festzustellen [...].

Den Höhepunkt einer jeden Pokalsaison bildete dann das Endspiel mit der Krönung des Pokalsiegers, das in den Austragungsorten Berlin (6mal), Düsseldorf, Köln und Stuttgart stets ein großes Zuschauerinteresse fand, obgleich es mit Ausnahme von 1939 (Ende April 1940 durchgeführt) immer zu einer ungünstigen Jahreszeit und dadurch oft bei spieler- und zuschauerunfreundlichen Witterungsbedingungen ausgetragen wurde.[...]

Wenn man im ersten Jahrzehnt des deutschen Vereinspokals auch nicht britische Pokalverhältnisse und -begeisterung erreichte und man deshalb etwas neidvoll auf die Insel sah, so war doch ein hoffnungsvoller Anfang gemacht worden. Zwar blieben in jener Zeit für die Mehrzahl der deutschen Fußballanhänger die Spiele um die deutsche Meisterschaft das Primat, die hohen Zuschauerzahlen in der alljährlichen Endphase des Vereinspokals zeigten aber, dass der Kampf um diese Pokaltrophäe auf dem besten Wege war, sich ebenbürtig neben der nationalen Meisterschaft zu etablieren."

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Christian Bub
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