6. 1974-1982

6.3 Die Affäre Heyn

6.3.2 Der Preis des Erfolgs

Im Herbst 1978 kamen nach und nach immer mehr fragwürdige Finanzierungsdetails ans Licht und Winfried Heyns Ansehen bröckelte zusehends. Die Münchner Steuerfahndung war bereits im März 1978 auf der Geschäftsstelle aufgetaucht, weil Heyn Gehälter für die von ihm geholten Leistungsträger „bündelweise aus der Hosentasche“ zahlte und er, wie sich nun herausstellte, keine Steuern dafür abführte. Verein und Spieler gaben sich ahnungslos (Kapitän Hans-Dieter Seelmann: "Uns wurde zugesichert, das seien Netto-Verträge, wer sie versteuert, war nicht unser Bier."), und um die Nachzahlungen einzutreiben, stattete das Finanzamt den betroffenen Spielern nun Besuche auf dem Trainingsplatz ab. Wormatias Vorstand, Winfried Heyn auf der einen und Zweiter Vorsitzender Hans-Günter Bauer sowie Verwaltungsratchef Richard Schmitt auf der anderen Seite, kommunizierte längst hauptsächlich nur noch über Anwälte miteinander. Weil Heyn in der bundesweiten Boulevardpresse diverse Anschuldigungen und Drohungen lancierte, die er postwendend in der Wormser Lokalpresse dementierte und sich weigerte, zurückzutreten, wurde er im November 1978 schließlich wegen vereinsschädigenden Verhaltens erneut und endgültig suspendiert. Unabhängig davon pochte Finanzmakler Wolfgang Staun auf seinen Abtretungsvertrag und forderte von Wormatia seine Heyn geliehenen 675.000 Mark zurück, die diese durch entsprechende Spielerverkäufe jetzt erlösen sollte. Der Wormatia-Vorstand bewertete den Vertrag jedoch nach wie vor als sittenwidrig und weigerte sich. Nun meldete sich plötzlich mit Dr. Hans Adam ein weiterer Münchner Kaufmann, der eine ähnliche, ältere Abmachung mit Heyn vom Oktober 1977 vorweisen konnte. Heyn hatte von diesem ein Darlehen über 380.000 Mark erhalten, Dr. Adam im Gegenzug die Ablöserechte über dreizehn Wormatiaspieler und als Sicherheit außerdem ein später als gefälscht enttarntes Rembrandt-Gemälde. In der handschriftlichen Vereinbarung heißt es einleitend:

„Herrn Dr. Adam ist bekannt, daß Herr Heyn eine Fußballmannschaft besitzt, die etwa einen Transferwert von einer Million Mark darstellt. Das Ziel des Herrn Heyn ist es, günstig Spieler zu erwerben und mit Gewinn zu weiterzuveräußern.“

Winfried Heyn zwischen seinen Neuerwerbungen Dragoslav Stepanovic (links) und Egon Bihn. Finanziert mit einem Privatdarlehen, wobei der Geldgeber am Ende leer ausging - dessen Abtretungsvertrag war nichtig, da nur von Heyn und keinem weiteren Vorstandsmitglied unterzeichnet.

Als wäre das noch nicht genug, meldete sich nun auch 1860 Münchens Präsident Erich Riedl und wies auf eine Vereinbarung hin, nach der Heyn bei einem potentiellen Transfer bis Juni 1980 der Ex-Sechziger Seelmann, Schuberth, Starzak und Lubanski bereits 50% der Ablösesummen an seinen Verein zugesagt hatte. Als Ergebnis dieser Vereinbarungen „gehörte“ z.B. Neuzugang Niels Poulsen gleich drei verschiedenen und völlig vereinsfremden Privatpersonen. Poulsens potentielle Ablösesumme hatte Heyn gleich drei Mal abgetreten: An Dr. Adam, Wolfgang Staun und für 95.000 Mark an seinen eigenen Vater. Wie der Vorstand vorrechnete, hatte Heyn mit diesen Mehrfachabtretungen an acht verschiedene, fast ausschließlich private Geldgeber, Darlehen in Höhe von insgesamt über 2,6 Mio. Mark aufgenommen, die der Verein nun, praktisch unmöglich, durch Spielerverkäufe tilgen sollte.

Schnell merkten die Verantwortlichen allerdings, dass der bestehende Kader des frisch gebackenen Herbstmeisters der 2. Bundesliga Süd ohne die Heyn’schen Extra-Gehälter nicht zu bezahlen war. So wurden den Spielern neue reduzierte Gehälter angeboten und ansonsten durch Transfers versucht, wieder eine „vereinseigene“ Mannschaft zu erhalten. Werner Seubert, mit 19 Treffern in 18 Spielen Führender der Torschützenliste, wechselte zu Wacker Innsbruck, Thomas Zander und Niels Poulsen zu 1860 München und Walter Schuberth zu den Houston Hurricanes in die USA. Dafür kamen Hans Wulf, Helmut Eckstein, Günter Gall und Lothar Wesseler. Die erzielten Ablösesummen landeten in den nächsten Monaten auf einem Treuhandkonto, bis geklärt war, wem diese überhaupt rechtmäßig gehörten. Sportlich stand am Ende der undankbare dritte Platz

Nach seiner endgültigen Suspendierung setzte Winfried Heyn fast wöchentlich öffentliche Störfeuer („Dieser Scheiß-Verein interessiert mich überhaupt nicht!“), wodurch sogar Der Spiegel der Angelegenheit einen Artikel widmete. Heyn forderte die Rückzahlung von 1,8 Mio. Mark, warf den Vereinsverantwortlichen sowie deren Anwälten und Steuerberatern Bilanzfälschung, Untreue, Steuerhinterziehung und Betrug vor und steckte der Boulevardpresse Gerüchte über Komplettverkauf der Mannschaft sowie die angeblich geplante Rückgabe der Zweitligalizenz. Alle Vorwürfe und Gerüchte erwiesen sich als haltlos. Heyn selbst bestritt im Übrigen seine Mehrfachabtretungen trotz klarster Beweise vehement und stellte einen Antrag auf einstweilige Verfügung gegen den Vorstand und die Wormser Zeitung. Das Landgericht Mainz lehnte ab und so durfte ab April 1979 mit gerichtlichem Segen weiterhin behauptet werden, dass der tatsächlich mittellose Heyn „keine einzige müde Mark“ in den Verein investiert, sondern nur mit dem Geld privater Geldgeber operiert, sich damit „obskurer und haarsträubender Geschäftspraktiken“ bedient und „den Verein geschädigt“ habe. Im gleichen Monat wurde Heyn schließlich wegen mehrfachen Betruges aufgrund anderweitiger Machenschaften zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Ein von dessen Verteidiger vorgelegtes psychiatrisches Gutachten bescheinigte Heyn „mangelnde Einschätzung der Realitäten“, wobei diese charakterliche Veranlagung von einer Fehlerziehung geprägt worden sei... 

Winfried Heyns Machenschaften beschäftigten die Wormser Zeitung (Frank Beier) monatelang - auch vor Gericht

Die „Affäre Heyn“ und deren Auswirkungen sollte den Verein aber noch lange Zeit beschäftigen, wie die Wormser Zeitung angesichts der schwierigen Suche nach einem Nachfolger für das Amt des Ersten Vorsitzenden im April kommentierte:

„Mit seinen obskuren Geschäftspraktiken und Geld-Manipulationen hat Heyn zwar kurzzeitig einen sportlichen Erfolg erreicht, zugleich aber dem Ansehen und Ruf des Vereins derat geschadet, daß heute – so ein Außenstehender – ‚ehrbare Bürger mit diesem Skandalklub nichts mehr zu tun haben wollen’. Tatsächlich war Wormatias Image nie zuvor in Worms und mittlerweile leider auch in ganz Fußball-Deutschland derart negativ wie jetzt, und es wird mit Sicherheit Jahre dauern, bis die dunklen Spuren Heyn’scher Hinterlassenschaft ausgemerzt sind. Deshalb müssen sich all jene, die Heyn auch heute noch das Verdienst zuerkennen, immerhin für einen großen sportlichen Aufschwung gesorgt zu haben, fragen lassen, um welchen Preis dies geschah. Der Scherbenhaufen, vor dem man nun steht, gibt darauf eine eindeutige Antwort!“

Von November 1978 bis Mai 1979 blieb Wormatia ohne Ersten Vorsitzenden, dann fand sich mit dem Anwalt Wolfgang Sitter endlich ein Nachfolger, der praktischer Weise bereits zuvor den Heyn/Staun'schen Abtretungsvertrag juristisch geprüft hatte. Im Dezember 1979 erklärte ein Gericht diesen verhängnisvollen Vertrag schließlich für sittenwidrig. Letztendlich wurde Winfried Heyn wegen Erschwindelung von Darlehen in Höhe von 1,5 Mio. Mark 1983 zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt.

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Archivar

Christian Bub
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