6. 1974-1982

6.2 Mit Mäzen zurück in den Pofifußball

Nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga versuchte Wormatia in der 1. Amateurliga Südwest wieder auf die Beine zu kommen. Dr. Matheis blieb an der Spitze des Vereins, neue Helfer kamen hinzu und dank einer erfolgreichen Rettungsaktion bekamen die Verantwortlichen die Finanzsituation wieder halbwegs in den Griff. Das Abstiegsteam blieb weitgehend zusammen, zumindest was die Spieler betraf, die schon länger dabei waren. Jürgen Nachtmann kehrte aus Alsenborn zurück, mit Alfred Volk wurde ein neuer Torjäger geholt und Eigengewächs Emanuel Günther mauserte sich plötzlich zum absoluten Leistungsträger. So brachte die Mannschaft das Kunststück fertig, mit zehn Punkten Vorsprung und einem Torverhältnis von 112:23 Meister 1975/76 zu werden. Dem direkten Wiederaufstieg stand nur noch die Aufstiegsrunde im Wege, in deren Verlauf der feststehende Trainerwechsel von Karl-Heinz Schmal zu Lothar Buchmann vorzeitig vollzogen wurde. Doch in der Dreiergruppe mit Borussia Neunkirchen und Eintracht Trier wollte trotz guter Leistungen kein Sieg gelingen. Die Spiele gegen Neunkirchen endeten 1:1 und 2:2, das Hinspiel gegen Trier ebenfalls 1:1-Unentschieden und in der entscheidenden letzten Partie im Trierer Moselstadion musste man sich unglücklich vor 16.000 Zuschauern 4:5 geschlagen geben.

Trotz dieses Rückschlags ging es mit neuem Mut in die Saison 1976/77. Mit dem Geschäftsmann Winfried Heyn glaubte man, endlich den lang ersehnten Mäzen gefunden zu haben, wodurch der Kader enorm verstärkt und der Aufstieg erneut in Angriff genommen werden konnte. Der bald zum Zweiten Vorsitzenden ernannte Heyn holte gleich vier Spieler von Zweitligist 1860 München zur Wormatia - und Hans-Dieter Seelmann, Norbert Starzak, Walter Schuberth und Heinz Lubanski waren an ihrer alten Wirkungsstätte alles andere als Bankdrücker. Das galt auch für den neuen Torwart Thomas Zander von Hertha BSC, zwei Jahre zuvor noch als Stammtorhüter Deutscher Vizemeister. Außerdem blieben Peter Klag (von Eintracht Trier umworben) und Heiner Schmieh (war schon auf dem Weg zu Eintracht Kreuznach) der Mannschaft erhalten, sodass Trainer Buchmann, der im Oktober nach Darmstadt abwandern sollte und von Bernd Hoss ersetzt wurde, bei der brechend vollen Mitgliederversammlung im Juli „ein wahrer Jubelsturm“ entgegenbrandete. Schließlich konnte der Vorstand auch noch einen auf 400.000 Mark mehr als halbierten Schuldenstand verkünden. Die Hoffnungen sollten sich bestätigen. Zum Saisonauftakt holte Wormatia im erst jetzt ausgetragenen Finale den Südwestpokal mit einem 4:1 gegen Südwest Ludwigshafen und in der Liga eilte sie nach holprigem Start (die Münchner waren erst ab Oktober spielberechtigt) mit über 100 erzielten Toren von einem Sieg zum nächsten, hatte diesmal aber härtere Konkurrenz. Punktgleich mit Hassia Bingen und einen Punkt vor Zweitligaabsteiger Kreuznach ging es in einem dramatischen Kopf-an-Kopf-Rennen trotz arger Verletzungssorgen über die Ziellinie. Da das Torverhältnis nicht über die Meisterschaft entscheiden durfte, gab es nun ein Entscheidungsspiel gegen Hassia Bingen im Mainzer Bruchwegstadion. Der erste Versuch vor 8.000 Zuschauern endete nach 120 Minuten 0:0, im Wiederholungsspiel vor 6.500 Zuschauern drei Tage später schoss Emanuel Günther mit dem Tor des Tages Wormatia schließlich zum Südwestmeistertitel.

In der Aufstiegsrunde hießen die Gegner diesmal TuS Neuendorf und erneut Borussia Neunkirchen. Die Hinspiele im Ellenfeld (10.000 Zuschauer) und zuhause gegen Neuendorf (8.000 Zuschauer) endeten mit 1:1, wobei Emanuel Günther, mit 32 Toren in der abgelaufenen Saison Torschützenkönig, jeweils den Wormser Treffer erzielte. Wie im Vorjahr wurde dann als zusätzliche Motivationshilfe der bereits länger feststehende Trainerwechsel vorgezogen: Werner Kern, zuvor Co-Trainer bei Bayern München, war der neue Mann an der Seitenlinie, weil sich Bernd Hoss bereits frühzeitig für einen Wechsel zum Karlsruher SC entschieden hatte. Doch auch im Rückspiel gegen Neuendorf reichte es wieder nur zu einem 1:1, dem (das Vorjahr mitgerechnet) sechsten Remis im siebten Aufstiegsspiel. Wormatia hatte nur noch eine allerletzte Chance: Im letzten Spiel musste Borussia Neunkirchen im heimischen Wormatia-Stadion vor 8.000 Zuschauern mit drei Toren Differenz geschlagen werden. Insbesondere nach der 2:0-Halbzeitführung dank zwei Kopfballtreffern von Emanuel Günther schien das Wunder möglich. Erst recht, als der Schiedsrichter zwanzig Minuten vor Schluss auf Elfmeter für Wormatia entschied. Nicht wenige Wormatianer dürften der Ohnmacht nahe gewesen sein, als Norbert Starzak mit seiner schwachen Ausführung am Torwart scheiterte. Der VfR gab nicht auf, attackierte noch vehementer und in der 78. Minute fand Starzaks Pass erneut Emanuel Günther, der tatsächlich zum entscheidenden dritten Mal einnetzte. Der Schlusspfiff ging im brachialen Jubel der fassungslosen Zuschauer unter. Oder wie die Wormser Zeitung berichtete:

„Ein einzigartiger Jubelsturm, der die altehrwürdige Tribüne in ihren Grundfesten erzittern ließ, brauste am Donnerstagabend um genau 19.44 Uhr aus rund 7.000 Kehlen über das Wormatia-Stadion. [...] Ermöglicht wurde diese für viele zunächst einfach nicht fassbare Sensation durch eine absolute Super-Leistung der Wormser Elf, die so phantastisch spielte und so leidenschaftlich kämpfte wie wohl keine Mannschaft im rot-weißen Trikot in den letzten zwei Jahrzehnten.“

Emanuel Günther köpft das 2:0 (43.)
Muche pariert den schwachen Elfer
von Norbert Starzak (71.)
Emanuel Günther bejubelt seinen Aufstiegstreffer (78.)
Jubelszenen nach Schlusspfiff: Thomas Zander (links) lässt sich drücken
Mitten drin ein unvergessenes Wormser Original: Werner Dinger (mittig vor der Fahne)
(vermutlich) Emanuel Günther kämpft sich in die Kabine

Als Neuling in der 2. Bundesliga Süd 1977/78 wusste Wormatia zu überraschen. Dank Geldgeber Winfried Heyn, im Mai 1977 zum Ersten Vorsitzenden gewählt, konnte die Mannschaft durch Bundesliga-Altstar Lorenz Horr von Vizemeister Hertha BSC und die weiteren Neuzugängen Niels Poulsen, Horst Raubold, Helmut Zahn und Rückkehrer Gerd Dier verstärkt werden. Als Nachfolger für Aufstiegsheld Emanuel Günther, der dank eines Vorvertrages Ex-Trainer Hoss letztlich etwas widerwillig zum Karlsruher SC folgte, fand sich eine interne Lösung. Werner Seubert, bereits im Frühjahr 1977 gekommen und erst in der Aufstiegsrunde spielberechtigt, entpuppte sich ebenfalls als äußerst treffsicher: satte 21 Tore in 28 Spielen. Am Saisonende stand Wormatia als bester Aufsteiger auf Platz 9.

Noch erfolgreicher sollte die Saison 1978/79 werden. Die Mannschaft des neuen Trainers Eckhard Krautzun wurde mit Egon Bihn und Dragoslav Stepanovic von Eintracht Frankfurt, sowie dem aus Kaiserslautern ausgeliehenen Heinz Wilhelmi erneut verstärkt. Wormatia feierte nach einer furiosen Hinrunde die Herbstmeisterschaft und schlug unter anderem im Spitzenspiel den TSV 1860 München vor 15.000 Zuschauern zuhause mit 1:0. Auch im DFB-Pokal machte man von sich reden. In der 2. Hauptrunde wurde gegen Hertha BSC vor 10.000 Zuschauern nach 120 Minuten ein 1:1 erkämpft. Zwei Wochen später beim fälligen Wiederholungsspiel im Berliner Olympiastadion standen die Fans jedoch vor verschlossenen Toren. Das Stadion wurde gesperrt wegen eines mittags festgestellten Defektes der Notstromversorgung und die Begegnung eine halbe Stunde vor Spielbeginn endgültig abgesagt. Weil Berliner Medien dahinter einen Trick der verletzungsgeplagten Berliner vermuteten und eigentlich genug Zeit gewesen wäre, das Spiel in ein anderes Stadion zu verlegen, legte Wormatia – letztlich vergeblich – Protest beim DFB ein. Das dann im November nachgeholte Wiederholungsspiel ging 0:2 verloren. Wormatias Anteil an den Einnahmen behielten die Berliner jedoch ein, weil es Streitigkeiten über die Restablöse von Thomas Zander gab... Winfried Heyns Finanzkonstrukte waren es auch, die letztlich den Aufstieg in die Bundesliga verhinderten: Der vorgebliche Mäzen und Gönner entpuppte sich als skrupelloser Investor mit dubiosen Geschäftsspraktiken (siehe 6.3). In der Winterpause mussten Teile der Mannschaft verkauft werden, Erfolgstrainer Krautzun flüchtete gefrustet zu Konkurrent 1860 München. Dem neuen Trainer Özcan Arkoc wiederum legte man bereits im April 1979 die Kündigung nahe, nachdem dieser die Mannschaft nicht mehr motivieren konnte und sich öffentlich über die aus Spargründen gestrichenen Übernachtungen vor Auswärtsspielen beschwert hatte. Unter Nachfolger Bernd Fischer hielt Wormatia trotz aller Umstände noch einige Zeit im Aufstiegskampf mit, verlor aber nach einer Niederlagenserie die Tabellenführung und wurde am Saisonende schließlich undankbarer Dritter, drei Punkte hinter Meister 1860 und zwei Punkte hinter dem Relegationsplatz, den die SpVgg Bayreuth belegte.

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Christian Bub
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