4. 1945-1963

4.1 Die Stunde Null

Die Trümmerbahn fährt auf freigeräumten Wegen an unzähligen Ruinen vorbei. Britische Bomber hatten im Februar 1945 die Innenstadt völlig zerstört und die Hälfte der 58.000 Einwohner zu Obdachlosen gemacht. Die Suche nach etwas zu Essen und einer Unterkunft bestimmen den Tagesablauf. Im Wormatia-Stadion haben amerikanische Soldaten ihre Zelte aufgeschlagen. So sah er aus, der Frühling 1945 in Worms.

67 Vereinsmitglieder werden in der Festschrift von 1948 als Opfer des Krieges betrauert, wobei einige, wie Martin Busam, zu diesem Zeitpunkt noch als vermisst galten. Nie wieder lebend nach Hause zurück kehrten neben Jakob Eckert auch Heini Schwind, Ernst Hartmann, Georg Leist, Albert Rickel und Oskar Siffling. Fritz Fries, Ludwig Herbert, Walter Stahl und Matthes Kiefer blieben noch teils jahrelang in Kriegsgefangenschaft. Das Stadion an der Alzeyer Straße war von Bomben verschont worden, dafür lag das Vereinsheim „Zum Rheinthal“ (Rheinstraße 4) in Trümmern – und darunter unwiederbringlich begraben Wormatias gesamter Besitz an Sportbekleidung, Bällen und Fußballstiefeln sowie das komplette Vereinsarchiv mit sämtlichen Aufzeichnungen, Siegestrophäen und Urkunden.

Wormatia war mit Ihrer Not natürlich nicht alleine und so trafen sich zahlreiche Vereinsvertreter wenige Wochen nach Kriegsende in einer halb ausgebombten Werkstatt, um die Zukunft des Wormser Sports zu beraten. Auf Namen und Tradition einzelner Vereine wurde kein großer Wert gelegt, der Vorschlag eines neuen, großen „Allgemeinen Sportvereins“ stand im Raum. Ein solches Konstrukt war den Wormaten aus eigener Erfahrung wohlbekannt, weshalb bei Wormatias Vertreter Anton Schumann alle Alarmglocken läuteten, wie die Festschrift von 1948 berichtet: „Es waren manche darunter, die auch fürderhin an eine Politisierung und damit Vergewaltigung des Sports glaubten, Männer, die meinten, es hätten sich lediglich die Vorzeichen geändert.“ Er lehnte den Vorschlag daher „in klarer Erkenntnis der Gefahr die in solchem Wollen lag“ strikt ab, stand auf und ging. Wormatia sollte nicht in einem Einheitsverein aufgehen, sondern unabhängig selbst wieder zu alter Größe auferstehen.

Mit Max Holzammer, Michel Scharrer, Hans Oswald, Hans Böhner, Tempel Hartmann, Heinz Haarmann und Dr. Heino Eckert, Wormatias erstem Nachkriegspräsidenten, fand Schumann schnell neue und alte Mitstreiter. Als Trainer kam nur Wormatia-Legende Ludwig Müller in Frage, der sein Lebenswerk auch gerne fortsetze. So entstand Wormatia „die Alte“ aufs Neue. Oder wie die Festschrift von 1948 in pathetischen Worten feststellte:

„Und wieder war es der Sport, der sich zuerst regte. Ein zweites Mal erbrachte er den Beweis seiner friedliebenden Kraft, zwar zaghaft zunächst, doch dann in immer kürzeren Intervallen entrang er sich der allgemeinen Lethargie, strebte er mit Macht aus den Fesseln, die auch ihm der Krieg angelegt hatte“

Das Geld ist weg: Böhner bittet Penk um Hilfe (17.07.1945)
Es muss voran gehen. Friedel Penk hat mit der Militärbehörde verhandelt (16.09.1945)
Süddeutscher Fußballverband wieder genehmigt - ohne die linksrheinischen Vereine (23.10.1945)
Ursprünglich geplanter Gegner für das erste Nachkriegsspiel: TV 1817 Mainz (11.11.1945)
Hans Böhners NSDAP-Vergangenheit ist wie bei Hans Stein ein Hindernis (undatiert)
Dank Haarmanns Beziehung zu Soutout nur Formsache: Die (Neu-)Gründung (14.02.1946)

Die „Fesseln“ waren allerdings auch finanzieller und rechtlicher Natur. Das gesamte Vereinsvermögen in Höhe von 55.000 Reichsmark war bei der Bank beschlagnahmt worden, das Stadion gehörte der Stadt und die französische Militärregierung ließ, wenn überhaupt, nur einen stark eingeschränkten Sportbetrieb zu. Ab Oktober war lediglich unter zahlreichen Bedingungen die provisorische Bildung von Sportmannschaften erlaubt. Unter anderem musste jedes Mannschaftsmitglied einen Fragebogen ausfüllen und durfte nicht der NSDAP angehört haben. Im November 1945 fand im Wormatia-Stadion gegen Blau-Weiß Worms das erste Nachkriegsspiel statt und kurze Zeit später, an einen geregelten Eisenbahnverkehr war noch nicht zu denken, reiste man im offenen Lastwagen nach Mainz. Gegner war die damals führende Elf vom TV 1817, auf deren stark bombengeschädigten, notdürftig wieder hergestellten Platz Wormatia bei bitterer Kälte ihr Nachkriegs-Auswärtsdebüt gab. Dabei waren Auswärtsspiele eigentlich seitens der Militärregierung verboten.

Diplomatisch hilfreich im Kontakt zu Stadt- und Militärverwaltung war, dass sich mit Friedel Penk ein Ur-Wormate kommunalpolitisch betätigte, der von Januar 1949 bis November 1952 gar als Wormser Bürgermeister amtierte. Wie Sporthistoriker Harald Braun im Interview mit Heinz Haarmann erfuhr, war es offenbar aber insbesondere der mehr als gute Draht Heinz Haarmanns zum französischen Sportoffizier André Soutout, der die französische Militärregierung zu Gunsten Wormatias öfter mal ein Auge zudrücken ließ (zuletzt nachzulesen im Wormser Heimatjahrbuch 2013). Insbesondere bei der Direktive Nr. 23 des Alliierten Kontrollrates „Beschränkung und Entmilitarisierung des Sportwesens in Deutschland“ vom 17. Dezember. Unter Punkt 1 heißt es dort:

„Allen vor der Kapitulation in Deutschland bestehenden sportlichen, militärischen oder paramilitärischen athletischen Organisationen (Klubs, Vereinigungen, Anstalten und andere Organisationen) wird jede Betätigung untersagt, und sie sind bis zum 1. Januar 1946 spätestens aufzulösen.“

"Spiritus Rector" Hans Stein

Alle Vereine mussten also neu gegründet werden. Dank Wormatia-Fan Soutout blieb dies für den VfR nur eine formale Angelegenheit: Der Vereinsname durfte behalten werden, die Zulassung wurde umgehend erteilt. Problematisch wurde es erst bei der Wahl des Vorstandes. Dem durften verständlicherweise keine ehemaligen NSDAP-Mitglieder angehören. Zwangsläufig war aber Hans Stein vorgeschlagen und gewählt worden, der vor dem Krieg als Funktionär treibende Kraft beim sportlichen Erfolg Wormatias war, allerdings auch überzeugtes Parteimitglied seit 1933. „Machen Sie sich und mir keine Schwierigkeiten, sonst wird der Verein verboten“, warnte Soutout Haarmann. Doch der bestand auf Schlüsselfigur Stein. Nach eindringlichen Gesprächen wurde Hans Stein letztlich offiziell kein Vorstandsmitglied, sondern leitete hinter den Kulissen den sportlichen Wiederaufstieg. Dem Verhältnis zu Soutout schadete dies nicht, fortan reiste dieser sogar auswärts mit (immer in Uniform) und erreichte so die ein oder andere Erleichterung bei den Grenzkontrollen zurück aus dem damals „ausländischen“ Saarland.

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Archivar

Christian Bub
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