2. 1922-1933

2.5 Die geplatzte Fusion 1929

Im März 1929 stand einmal mehr eine Fusion mit Alemannia im Raum – nach der Pleite von 1924 erstmals jedoch nicht angestoßen durch Wormatia. Bürgermeister Schulte persönlich nahm sich der Sache an und wollte auch Olympia Worms mit ins Boot holen. Alle drei Vereine erhielten Post:

Wohlmeinende, auch führende Kreise des Wormser Rasensports ventilieren seit langem inoffiziell die Frage, ob sich nicht im Interesse der hiesigen Rasensportbewegung eine Zusammenlegung zunächst wenigstens der größeren Rasensportvereine ermöglichen ließe.[…] Aus Prestige- und Zweckmäßigkeitsgründen mögen die einzelnen Vereinsvorstände sich behindert fühlen, ihrerseits die Initiative zu Verhandlungen über die Verschmelzung der drei Rasensportvereine Alemannia, Olympia und Wormatia zu einer einzigen, großen, leistungsfähigen Wormser Rasensportvereinigung zu ergreifen. Solche Hemmungen dürfen jedoch der Entscheidung dieser für den Wormser Rasensport direkt lebenswichtigen Frage nicht den Weg verbauen. Als für die Pflege der Leibesübungen unserer Stadt verantwortlicher Dezernent gestatte ich mir deshalb ergebnst, die Fusionsverhandlungen der drei genannten Vereine auf neutraler Grundlage hiermit offiziell in Fluß zu bringen."

Viele Vorteile habe die Fusion, sportlich und finanziell – „Ernst zu nehmende Gegengründe müssten m.E. erst noch erbracht werden“. Der FV Olympia holte daher weit aus und schickte eine dreiseitige Absage. Inklusive Jugend- und Handballabteilung habe der neue Verein dann 26 aktive Mannschaften, die man unmöglich alle mit Spielpraxis versorgen könne - „Aus diesen Gründen findet man ja in jeder Stadt nicht einen sondern mehrere Rasensportvereine.“ Eine Konzentrierung auf eine einzige erste Mannschaft lehnte Olympia strikt ab: „Breitenarbeit im Sport ist aber ungleich wichtiger und gesünder als Spitzenarbeit.“ Aber auch so hatte Olympia kein Fusionsinteresse. Der Verein sei eine Kriegsbildung (1915) befreundeter junger Leute aus der Altstadt, die auch jetzt noch den Stamm bildeten. Das wollte man nicht aufgeben, außerdem fühlte man sich in der Zweitklassigkeit durchaus wohl.

Stein des Anstoßes - das Spottgedicht

Wormatia und Alemannia dagegen waren aufgeschlossen und die kurze Zeit später anberaumten Generalversammlungen stimmten fast einstimmig (eine Gegenstimme bei Wormatia, sechs bei Alemannia) für die Aufnahme von Fusionsverhandlungen. Eine Woche später jedoch wollte Wormatia „mit Rücksicht auf verschiedenste Vorkommnisse eigenster Art“ von der Fusion nichts mehr wissen. Hauptgrund: Ein Spottgedicht, welches nach „absolut glaubwürdigen Informationen anlässlich Alemannias Generalversammlung zur Verteilung gekommen und gesungen worden ist.“ Und weiter: „Abgesehen davon, dass dieser einem beschränkten Hirn entsprungene Erguss uns nicht weiter treffen kann, berührt uns dennoch die Duldung desselben durch den Vorstand Alemannias, wie dies Vorstandsmitglieder auch bestätigt haben, nicht gerade angenehm […]. Wir haben den Eindruck gewonnen, dass die Sache immer noch nicht reif ist […]“

Alemannia ihrerseits schlug im eigenen Mitgliedermagazin zurück. Man selbst sei sportlich auf dem aufsteigenden Ast gewesen, bei Wormatia habe es schlechter ausgesehen. Ein optimaler Fusionspartner sei man daher gewesen, zumal man „Abteilungen, die man drüben nur dem Namen nach kennt“ habe einbringen können. Dann jedoch sei es bei Wormatia sportlich wieder besser gelaufen und dadurch „verfiel man drüben wieder in den alten Fehler, den ‚starken Mann’ zu mimen, der alles besser, alles alleine schaffen kann.“ Wormatia habe einen Grund gesucht, die noch nicht richtig begonnenen Verhandlungen wieder abzubrechen:
Mit diesem Spottgedicht aber hat es seine eigene Bewandnis. Trotz größter Bemühungen des Vorstandes ist es nämlich bis heute noch nicht gelungen, den Urheber ausfindig zu machen. Es war eben einfach plötzlich da und kündet in prophetischen, allerdings nicht immer klaren Gedankengängen, den baldigen Untergang Wormatias an. Stilistisch und inhaltlich nicht schlechter und nicht besser als seine im anderen Lager so beliebten Vorgänger.“ Die Behauptung, dass dieses Lied aber in der Generalversammlung gesungen worden sei, die ja einstimmig für die Aufnahme der Fusionsverhandlungen gestimmt hatte, „ist für denjenigen, der etwas Kritikvermögen besitzt, derart grotesk und der Zweck, der damit verfolgt werden soll tritt so eindeutig zutage, daß es großer Richtigstellung nicht bedarf. Es reicht daher aus, wenn der uns gemachte Vorwurf hiermit zurückgewiesen wird.“ Immerhin beweise das ganze „wie man im anderen Lager arbeitet, wes Geistes Kind man ist. Dabei ließe sich das Beispiel mühelos vervielfachen. Aber wir verzichten darauf, den Spieß herumzudrehen, obwohl man uns, in zum mindesten überaus unschöner Form, angegriffen hat. […] Es liegt also auf der Hand, daß das Spottgedicht nur zum Vorwand für den Abbruch der Fusionsverhandlungen genommen worden ist und es bleibt deshalb dabei: der Entschluß zum Abbruch der Verhandlungen ist einem engen Horizont entsprungen, einer Einstellung, die nur den eigenen Verein kennt, die nicht bereit ist, für eine große sportliche Idee Opfer zu bringen!!

Mit wenigen Zeilen legte Bürgermeister Schulte die Angelegenheit Anfang Mai zu den Akten: "Die meinerseits Alemannia und Wormatia anempfohlenen Fusionsverhandlungen sind anscheinend immer noch zeiitlich verfrüht. Die Angelegenheit bleibt deshalb zweckmäßig noch in der Schwebe, um unter günstigeren Aussichten auf Verwirklichung später einmal wieder aufgegriffen zu werden."

Damit war die Fusion wieder einmal gestorben. 1932 fusionierte Alemannia stattdessen mit Olympia, deren Mitglieder bereits ein Jahr später jedoch in Scharen zum von ehemaligen Olympioniken frisch gegründeten FC Blau-Weiß übertraten. Der von der Politik geäußerte Wunsch nach einer einzigen, großen, leistungsfähigen Wormser Rasensportvereinigung war damit jedoch nicht verschwunden. Die Nazis griffen die Idee wieder auf und schufen 1939 den Großverein RTSV Wormatia Worms. Damit wurde die Fusion von Wormatia und Alemannia unter anderen Vorzeichen doch noch vollzogen.

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Archivar

Christian Bub
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