2. 1922-1933

2.3 Auf dem Weg nach oben

Wormatia war nach dem Aufstieg nun wieder in der Erstklassigkeit angekommen. Da man heute beim Wort „Erstklassigkeit“ normalerweise an die Bundesliga denkt oder vielleicht noch an die alten Oberligen bis 1963, sei hier kurz das deutsche Ligensystem des Jahres 1924 erläutert.

Ein Jahr zuvor mit Beginn der Saison 1923/24 wurden im Süddeutschen Fußballverband fünf Bezirksligen mit je acht Mannschaften eingeführt. Die Ligen Bayern, Main, Rhein, Rheinhessen-Saar und Württemberg-Baden ersetzten damit die bestehenden zehn Kreisligen (á acht Mannschaften) als höchste Spielklassen, die ihrerseits 1919 die vier „Kreis“-Ligen (Nord-, Ost-, Süd- und Westkreis-Liga á 3-4 Mannschaften) ablösten. Nach wie vor qualifizierten sich (mindestens) die Meister der verschiedenen Ligen für die Süddeutsche Meisterschaft, wo die Teilnehmer für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft ermittelt wurden. Hier wurde dann letztlich im WM-Modus (Gruppenspiele und K.O-Runde) der Deutsche Meister ausgespielt.
Diese Struktur galt nicht in allen Regionalverbänden Deutschlands, der Verband Berlin-Brandenburg beispielsweise verfügte über eine zweigleisige „Oberliga“, deren beiden Meister den Teilnehmer für die „Deutsche“ unter sich aus machten. Es existierten daher in ganz Deutschland über 50 „Erste Ligen“ und etwa 400 „erstklassige“ Mannschaften, wobei der Fokus hauptsächlich auf der Süddeutschen und den anderen Regionalmeisterschaften lag, wo der „richtige“ hochklassige Fußball gespielt wurde. Der Spielbetrieb der süddeutschen Bezirksligen lief jeweils bis Dezember, ehe sich fast nahtlos die Süddeutsche Meisterschaft und danach die Endrunde anschlossen.

Die Saison 1924/25 in der Bezirksliga Rheinhessen-Saar beendete der VfR Wormatia als Neuling auf Platz drei (laut Festschrift, Platz vier nach vorliegender Tabelle). Die sieben Gegner waren SV Wiesbaden, FV Saarbrücken (heute 1.FCS), FC Idar (heute SC Idar-Oberstein), Borussia Neunkirchen, TG Höchst, Saar 05 Saarbrücken und SV Trier 05 (heute Eintracht). Die Saison 1925/26 wurde ebenfalls auf Platz drei abgeschlossen, wobei man hier in der Hinrunde noch Tabellenführer war und durch eine schwere Knieverletzung von Mittelläufer Anton Schumann in Neunkirchen (er musste seine Karriere daraufhin beenden) zurückgeworfen wurde. Bei der Jahreshauptversammlung 1925 gab es wieder eine Veränderung im Vorstand und Hans Stein löste den zurückgetretenen Georg Henning als zweiten Vorsitzenden ab. Zahlreiche Freundschaftsspiele in dieser Zeit wurden, meist siegreich, gegen Vereine aus ganz Deutschland bestritten. Höhepunkt war das Gastspiel des amtierenden Deutschen Meisters 1.FC Nürnberg, der an einem Samstagabend erstmals Wormser Boden betrat und in Bestbesetzung vor 4.000 Zuschauern über ein 1:1 gegen Wormatia nicht hinaus kam.

Ludwig Philipp

Aus Nürnberg, allerdings vom ASV, kam auch Wormatias neuer Trainer für die Saison 1926/27. Unter Ludwig Müller war die Weiterentwicklung der Mannschaft etwas eingeschlafen, außerdem wurde 1925 die Abseitsregel geändert (bisher mussten sich bei Ballabgabe mindestens drei Gegenspieler zwischen Torlinie und Ballempfänger befinden, nun - und bis heute - nur noch zwei), worauf sich die Mannschaft partout nicht einstellen konnte und zum Beispiel vom VfL Neckarau 1:8 abgeschossen wurde. Neuer Spielertrainer wurde der 37-jährige Altinternationale Ludwig Philipp, der in seinen jüngeren Jahren vor allem für seine Schnelligkeit bekannt war (nordbayrischer Meister über 100 Meter Sprint) und einst als bester Mittelstürmer Süddeutschlands galt. Er wirkte mit seiner Erfahrung, seinen Taktikkenntnissen, dem scharfem Training und seiner Idee von Spielaufbau Wunder. „Willnecker lehrte die Elf spielen, Philipp lehrte sie schießen“, wie es Sportjournalist Richard Kirn später beschrieb. Philipp führte Wormatia sogleich zur Vizemeisterschaft hinter Mainz 05. Bis zum drittletzten Spiel war man noch Tabellenführer gewesen, doch wieder war es eine schwere Verletzung, diesmal von Abwehrspieler Karl Wolf (Beinbruch in Trier), die die Mannschaft in der entscheidenden Phase schwächte.

Während dieser Saison wurde auch die Handballabteilung gegründet, heute eigenständig als SC Wormatia. Die Jugendabteilung der Fußballer blühte und bestand aus drei, zweitweise vier Mannschaften, die 1926/27 abermals allesamt in ihren Klassen die Meisterschaft errangen. Die Leitung lag in den Händen von Willy Rehm, der diese Aufgaben zum Jahresende 1926 von Friedel Penk, dem Gründer der Abteilung, übernommen hatte. Hier wuchsen Talente wie Martin Busam, Matthes Kiefer und Franz Lehr heran. Der Spielbetrieb war derart gewachsen, dass es langsam eng wurde am Schweißwerk. So entschied sich der Vorstand, mit dem Besitzer der Radrennbahn an der Alzeyer Straße (auch „Pfiffligheimer Chaussee“ genannt) über einen Ankauf des Geländes zu verhandeln. Man wurde sich einig und im Februar 1927 begannen die Bauarbeiten am zukünftigen Wormatia-Stadion, das als Musteranlage in Süddeutschland galt und 18.000 Zuschauern Platz bieten sollte, was heutzutage sicherlich für Ohnmachtsanfälle beim DFB sorgen würde.

Das Wormatia-Stadion im Jahre 1929

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Christian Bub
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