2. 1922-1933

2.2 Meisterschaft und Aufstieg in die Bezirksliga 1924

Mit dem Fürther Karl Willnecker gab es zur neuen Saison einen neuen Trainer. Willnecker spielte zu seiner aktiven Zeit bei der Alemannia, mit der Anfang September erneut erfolglos über eine Fusion gesprochen wurde. Trainingsauftakt war am 25. Juli, gerade einmal zwei Trainingseinheiten pro Woche waren laut Wormser Zeitung angesetzt: Mittwochs und Sonntag Früh. Das reichte damals offenbar aus, der VfR Wormatia spielte eine glänzende Runde. Unter Willnecker entwickelte sich die Mannschaft zügig weiter und wurde durch die beiden Zugänge Wilhelm Müller und ganz besonders Ludwig Müller - ursprünglich brillanter Verteidiger, unter Willnecker nun noch besserer Halblinker - deutlich verstärkt. Das führte schließlich zur erneuten Meisterschaft in der Befähigungsliga (bzw. Kreisliga, wie die WZ die Liga nach der Einführung der Bezirksliga als höchste Klasse nannte) und zum Gewinn des Hessenpokals. Im Finale um die „Pokalmeisterschaft des besetzten Gebietes“ unterlag man jedoch nach 120 Minuten dem FV Saarbrücken.

Am 27. April 1924 begann die Aufstiegsrunde zur Bezirksliga, die zu Saisonbeginn die Kreisliga als höchste Spielklasse abgelöst hatte. In einer Vierergruppe traf man auf Mainz 05, Röchling Völklingen und Saar 05 Saarbrücken. Letztere waren der erklärte Favorit und wurden von den Wormaten zum Auftakt mit 3:1 geschlagen. Sportzeitungen gaben Wormatia zuvor lediglich Außenseiterchancen, täuschten sich aber gewaltig, denn nachdem Saar 05 auch im Rückspiel 3:1 geschlagen wurde, Völklingen keine Chance hatte (3:0 und 7:0) und man auch von Mainz 05 nicht bezwungen werden konnte (2:2 und 3:0), hieß der souveräne Aufsteiger Anfang Juli (!) tatsächlich VfR Wormatia.

In der Wormser Volkszeitung vom 3. Juli ließ man es sich nicht nehmen, der Konkurrenz aus Saarbrücken den Erfolg genüsslich unter die Nase zu reiben:

Mit berechtigtem Stolz blickt heute nicht nur der Verein, sondern auch die gesamte Sportgemeinde und wohl auch restlos der Kreis Hessen auf V.f.R. Wormatias Ligaelf, die in zäher Ausdauer diese hervorragenden Erfolge für sich beanspruchen konnte. Mit dem Resultate gegen Völklingen [7:0] hat Wormatia bewiesen, daß es keinesfalls Zufallserfolge waren, die die Mannschaft zur Meisterschaft [der Aufstiegsrunde] geführt hat, sondern durchweg einwandfrei und durch besseres Können erfochtene Siege, was man sich allerdings im Saarland nicht eingestehen will. Heute jedenfalls wird der Berichterstatter aus dem Saargebiet, der mit dem Beginn der Aufstiegsspiele als besonders schlauer Kopf den Ausgang der schweren Spiele so vorzüglich zu prophezeien sich veranlaßt fühlte und der dem VfR eine nur klägliche Rolle zudiktierte, darüber belehrt sein, daß es sehr oft anders kommt als man denkt. Hoffentlich wird er aber aus dem Ausklang der Runde auch die Lehren gezogen haben, daß man bei derartigen Prophezeiungen Unterlagen über das Können der zu schildernden Gegner zur Stelle haben muß und sich hierbei nicht nur die Leistungen einer Mannschaft, mit der noch so übermäßiger Kult getrieben wird, zur Grundlage machen darf, zumal letzten Endes die Entscheidung einzig und allein auf dem grünen Rasen zu fallen hat. Die Tabelle, die heute ein wesentlich anderes Gepräge hat, wie vor einiger Zeit vom Saarberichterstatter entworfen, ergibt folgendes Bild [...]“

Aufstiegskampf gegen Mainz 05 (2:2)

Mit dem Aufstieg fand nun ein Machtwechsel im Wormser Fußball statt, denn gleichzeitig war die jahrelang dominierende Alemannia abgestiegen und Wormatia als einziger Erstligist nun Platzhirsch in Worms, so dass sich „die sonst so kargen Sympathien der Wormser Sportwelt“ immer mehr auf den VfR Wormatia konzentrierten. Der hatte nach dem Ausscheiden von Willnecker bereits seit Anfang Juni einen neuen Trainer – Vorstand und Mannschaft hatten sich einstimmig für Stürmer Ludwig Müller entschieden, der fortan als Spielertrainer fungierte.

Im Juli 1924 glaubte man, nun unter dem Eindruck der neuen sportlichen Situation, der Alemannia endlich eine Fusion schmackhaft machen zu können. Bei den General-Versammlungen beider Vereine entschieden sich drei Viertel der Wormaten für einen Zusammenschluss, zwei Drittel der Alemannen jedoch dagegen – aus Wormatia-Sicht eine Katastrophe, wie der unbekannte Autor in der Wormser Volkszeitung vom 18. Juli wütend verkündet:

Seit den beiderseitigen Generalversammlungen am vergangenen Montag hat die Wormser Sportgemeinde Halbmast geflaggt, als äußeres Zeichen der Trauer, da der Vereinigungsplan von Seiten der Alemannia vernichtet wurde. Trübe Gesichter machen alle die, die schon das Große entwickelt sahen, und die Pläne, die geschmiedet waren, liegen heute alle im Papierkorb. O, welch schöne Bilder waren schon gemalt, es wurde schon gesprochen von Spielen wie Nürnberg, Fürth, Stuttgart, etliche haben sogar schon den Hamburger Sportverein im Spiel mit dem Wormser neuen Verein gesehen. Nicht allein, daß mit großen Spielen der Wormser Sportgemeinde gedient werden sollte, nein, endlich sollte der so lange ersehnte Frieden zwischen beiden Vereinen einziehen: alles dies ist durch die Abstimmung null und nichtig geworden. […] Die Wormser Sportanhänger können sich also ein Bild machen, wer die Schuld trägt, daß das große Werk nicht gelungen ist. Auf Jahre hinaus ist nun eine Vereinigung zurückgestellt: jeder Verein schlägt den Weg ein, den er für den richtigen hält. Die Vereinigung ist begraben, doch wird sich mancher in Zukunft einen Vorwurf machen, indem er sich auf die Brust schlägt und sagt sich: ich trage mit Schuld, daß die langersehnte Vereinigung nicht zustande kam. […] Für Worms ist dieses wieder einmal eine Blamage, nicht allein in unserer Vaterstadt, sondern weit über unsere Gauen hinaus, dort wird man davon sprechen, welch großzügige sportlichen Gedanken in Worms vorhanden sind. Nur so weiter, dann werden aus den Hunderten – Tausende, die dem Sporte fernbleiben, oder sich überlegen, welchen Sportplatz sie in Zukunft besuchen.

Derart apokalyptisch wurde die Zukunft jedoch nicht. Auch ohne Alemannia sollte der VfR Wormatia in den kommenden Jahren ganz vorne mitmischen. Noch im Herbst 1924 war man aber erst einmal eingeschnappt, wie dieser Seitenhieb auf die nun ja zweitklassige Alemannia zeigt (welche im Gegenzug sicherlich spöttisch auf den Schreibfehler "Wormartia" hingewiesen hat):

Wormser Zeitung vom 4. Oktober 1924

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Christian Bub
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