Notizen aus dem Archiv

Fankurve: VfR Wormatia 08 Worms

Ein heißer Tipp für alle Freunde des Fußballs unterhalb der zweiten Liga ist ZEITSPIEL, das „Magazin für Fußball-Zeitgeschichte“ von Hardy Grüne und Frank Willig – nur einzeln oder im Abo erhältlich über die Homepage. Als Fan seit der formidablen Erstausgabe und Besitzer einiger seiner Bücher war es natürlich Ehrensache, einer Anfrage von Hardy Grüne nachzukommen und einen kleinen Artikel über unsere Wormatia für die Rubrik „Fankurve“ beizusteuern. Der Anlass dafür war übrigens recht kurios: Auf dem Heimweg aus Frankreich hatte Grüne die Wahl zwischen Hoffenheim gegen Schalke oder Wormatia gegen Neckarelz und entschied sich als neutraler Beobachter für die nicht gerade offensichtliche Wahl.

Nachfolgender Artikel erschien also in der Ausgabe 5 im Juli 2016, wodurch übrigens der Blick aus der Gegengerade drei Monate lang die Homepage des Magazins zierte.

Wormatia Worms ist einer dieser Fälle, bei denen die halbe Stadt Kopf steht, wenn es gut läuft, der dann aber auch die halbe Stadt gleich wieder desinteressiert den Rücken zuwendet, wenn es mal nicht so läuft. Gerne spricht man in diesem Zusammenhang vom „Schlafenden Riesen“.

Aktuell sieht man sich im schwierigen Spannungsfeld zwischen den Profiklubs aus Frankfurt, Darmstadt, Kaiserslautern und vor allem Mainz, strömten trotz der attraktiv besetzten Regionalliga Südwest in der abgelaufenen Saison durchschnittlich lediglich 930 Zuschauer ins innenstadtnahe Wormatia-Stadion. Vielleicht lag es ja daran, dass die Wormatia weitestgehend zwischen Gut und Böse pendelte und am Ende Neunter wurde.

Die organisierte Fanszene wird dominiert von den „Supporters Worms 1997“ („Sups“), der ersten und einzigen Ultra-Gruppierung des Vereins. In den letzten Jahren ist es etwas ruhiger geworden auf den Rängen, was einerseits an einem sich vollziehenden Generationenwechsel innerhalb der Szene liegen dürfte, andererseits aber auch am meist eher durchschnittlichen sportlichen Abschneiden in der Regionalliga. Beheimatet ist Wormatias Szene seit Anfang der 1990er-Jahre auf der Vortribüne. Nach dem Aufstieg 2008 in die Regionalliga und dem Umbau der Stehgeraden zu Sitzplätzen wurde sie zunächst auf die Gegengerade vertrieben. Nachdem dies jedoch der Atmosphäre (und auch dem Umsatz im Clubheim) spürbar schadete, durften die Fans wieder an ihren angestammten Platz zurückkehren und bilden seitdem wieder einen Puffer zwischen heimischer Trainerbank und der nicht selten nörgeligen Haupttribüne.

Im Kern ist die betont unpolitische Fanszene eher links anzusiedeln. Viele Banner und Fahnen der Supporters ziert das Konterfei von Bud Spencer, jüngst verstorbener politisch unverdächtiger Jugendheld. Umso größer waren Unverständnis und Empörung im Verein, als die Lokalpresse in einer großen Bud-Spencer-Fahne wegen Farb- und Mustergestaltung eine codierte Naziflagge ausgemacht haben wollte. Inspiration hatte sich die übereifrige Journalistin bei einem hitzigen Diskussionsforum zum Thema einige Wochen zuvor geholt. Als Ergebnis tauchten beim nächsten Heimspiel seit Jahren nicht gesehene, neugierige NPD-Gesichter auf, die allerdings unsanft von der Vortribüne entfernt wurden.

Als gewaltorientiert ist die Fanszene nicht bekannt, man weiß sich allerdings durchaus zu wehren. Das gilt insbesondere auswärts, wenn es gegen Rivalen wie Eintracht Trier oder den FC Homburg geht. Im Falle von Trier spielt seit jeher auch die Frage um den Titel der ältesten Stadt Deutschlands eine Rolle, welchen (unter anderem) Trier und Worms für sich beanspruchen. Teils herzliche Abneigungen gibt es auch zum 1. FC Kaiserslautern, Mainz 05, dem 1. FC Saarbrücken sowie den Stuttgarter Kickers. Eine Fanfreundschaft besteht zu den Ultras von Waldhof Mannheim. Aktuell entwickeln sich zudem Kontakte zum St Albans City FC aus der englischen Partnerstadt St Albans.

Im Rheintalblog veröffentlicht am 25.02.2017

Archivar

Christian Bub
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