Notizen aus dem Archiv

Von der Freude am Tod

Ich kann mein Glück kaum fassen. Die Zeitungsjahrgänge 1939 bis 1945 liegen komplett mikroverfilmt im Stadtarchiv vor. Ausgerechnet die Kriegsjahre, aus denen ich höchstens Einzelausgaben vorzufinden erwartet habe, untauglich, um lohnenswerte Daten zu finden. Nun habe ich plötzlich Zugriff auf wirklich alles, selbst sämtliche Testspiele. Doch es ist schwierig, die eingesetzten Spieler in den Aufstellungen zu identifizieren: Es fehlen die Vornamen. Der altbekannte Mathias Kiefer taucht an allen Ecken und Enden selten ohne den Zusatz "der Matthes" auf, der Vorname des Verteidigers Hartmann dagegen wird vier Jahre lang kein einziges Mal erwähnt. Bis er stirbt. Zu meiner Freude. In der Todesanzeige steht sein Vorname.

Ich sitze vor dem Bildschirm und lasse stundenlang die Bilder des Mikrofilms vor meinen Augen vorbeisausen. Die Schlagzeilen der Titelseiten nehme ich nur für Sekundenbruchteile wahr: "Der deutsche Soldat kennt keine Furcht", "Churchills Lügen entlarvt". Es interessiert mich nicht, ich stoppe erst im Lokalteil, wo die Sportartikel zu finden sind. Immer öfter bleibe ich auch auf den Seiten danach hängen, denn dort stehen die Todesanzeigen. Kleine Balkenkreuze zeigen an, wer "für Volk und Vaterland" gestorben ist. Die Anzeigen beginnen oft mit: "Hart und schwer traf uns die schmerzliche Nachricht". Ich weiß, dass Jakob Eckert, Wormatias junger Nationalspieler, bereits 1940 gefallen ist. Vielleicht entdecke ich seine Todesanzeige, ich könnte sie stellvertretend für Wormatias Kriegstote in die Chronik einbauen. Ich finde sie, sogar ein Nachruf ist dabei. Eckert ist der erste bekannte Wormser Fußballer, der auf dem "Felde der Ehre" gefallen ist, wie ich daraus erfahre. Ich weiß, dass noch weitere folgen werden. Dass fünf Jahre später britische Bomber Worms in Schutt und Asche legen. Hatten die Leser der Zeitung 1940 eine Ahnung von dem, was noch kommen würde? Neben den Todesanzeigen wird für Kinofilme geworben, Schuhe, Bier. "Schön ist’s bei den Soldaten", wird der große Manöverball der Wehrmacht im 12 Apostel angekündigt. Eintritt 50 Pfennig. Tanz frei!

Wochen und Monate ziehen so vor meinen Augen vorbei, die Seiten mit den Todesanzeigen werden voller. Der junge Torwart Rickel wird eingezogen und steht nicht mehr zur Verfügung, steht in einem Artikel. Ich kenne seinen Vornamen nicht, seinen Geburtstag. Ein unbefriedigend lückenhafter Datensatz. Wenn er stirbt, kann ich diesen vielleicht füllen. Ich durchforste die Anzeigen nach bekannten Namen, halte inne, wenn ich einen entdecke und bin enttäuscht, wenn es doch ein anderer ist. Da! Rickel! Wormatia betrauert einen ihrer besten jungen Sportsleute! Ich triumphiere und balle innerlich eine Siegesfaust. Glücksgefühle wie die eines Schatzjägers. Jetzt kenne ich seinen Vornamen und wenigstens sein Alter. "07/1940 – 12/1941 Wormatia Worms, verstorben am 15.12.1941". Haken dran. Die Anzeige gibt mir weitere Infos: Er hieß Albert, seine Frau Gertrude, das Töchterchen Monika. Er war 20 Jahre alt, erlag in einem Feldlazarett einer schweren Verwundung. Es sind Details, die meine Gedanken wieder einordnen. Hier starb ein Mensch, kein Datensatz, im tiefsten Winter verreckt irgendwo im Osten, weit weg von seiner Familie.

Ich suche weiter. 1942, 1943, 1944, 1945. Die Spielberichte werden kürzer, nennen nur noch das Wichtigste. Immer wieder finde ich bekannte Namen in den Todesanzeigen. Nicht nur Fußballer, auch typische Wormser Nachnamen, Namen von Arbeitskollegen. Die Großväter? Balkenkreuze, seitenweise. Keine Werbung mehr. Stattdessen Tipps zum Strecken von Hefe, zur richtigen Verteilung der Fleischration an die Kinder. Dann halte ich inne:

Ich bin angewidert und mir vergeht die Lust, weiterzusuchen.

Die Zeitungen bestehen jetzt nur noch aus zwei Seiten, über Worms fliegen die ersten englischen Bomber. Es ist der Februar 1945. Die Schlagzeile triumphiert dagegen blind: "Gegenoffensive an der Ostfront!". Ein paar Wochen später erscheint die letzte Zeitung. Der Verteidiger Hartmann ist bereits längst tot. Er starb am 8. März 1944, kurz vor seinem 29. Geburtstag. Sein jüngstes Kind bekam er nie zu Gesicht. Feldwebel, sieben Jahre im Dienst, begraben auf einem Heldenfriedhof im Osten. Überzeugter Nationalsozialist? Stolzer Soldat? Ein Mensch. Von den Mannschaftskameraden "Harter" genannt. Sein Name war Ernst.

Im Rheintalblog veröffentlicht am 15.07.2011

Archivar

Christian Bub
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