Notizen aus dem Archiv

Vereinsfanatismus – Ein Beitrag zur Ultradebatte aus dem Jahre 1920

Ultras sind der Untergang des Fußballs. Schiris werden verprügelt, gegnerische Fans attackiert. Ermahnungen bringen nichts, es wird immer schlimmer. Das sind keine Fußballfans, das sind Tiere! Die interessieren sich doch gar nicht wirklich für das Spiel, sind schlicht dumm und haben keine Ahnung vom Fußball. Moralisch haben die gar nicht das Recht, ein Fußballspiel zu besuchen. Brecht das Spiel sofort ab, wenn der Mob tobt!

Könnte man so ähnlich in einem beliebigen Forum zur aktuellen Debatte um Pyrotechnik und Ultras lesen. Hierbei handelt es sich aber um die Essenz eines bemerkenswerten Leserbriefes, abgedruckt in der Mittelrheinischen Sportzeitung vom 2. November – 1920. Einundneunzig Jahre alt. Die Debatte um Gewalt im Fußball und „sogenannte ‚Fans'“, sie beschäftigte schon unsere Urgroßväter. Als kleiner Beitrag zur aktuellen Debatte und für Freunde der geschliffenen Sprache, hier nun der Leserbrief des Herrn Fischer aus Backnang in voller Länge. Titel: „Vereinsfanatismus“, erstmals erschienen in der Zeitschrift „Fußball“, nachgedruckt in der MSZ.

Nimmt man einen „Fußball“ zur Hand und liest die Berichte über Wettspiele, so findet man fast immer Klagen über „sportwidriges Verhalten“ des Publikums. Wenn man bedenkt, was über dieses Kapitel schon geschrieben wurde, so kommt man unwillkürlich zu dem Schluß, daß endlich Ermahnungen, so oft ausgesprochen, zum gewünschten Erfolg führen müßten. Doch, weit gefehlt, Besserung sieht man nirgends! Leider Gottes, schlimmer wird es immer!

Warum? Ich bin weit davon entfernt, zu glauben, daß die Spieler selbst, auch Schiedsrichter, Menschen ohne Fehl seien. Das kann ja gar nicht sein. Und wenn Uebergriffe vorkommen, so kann ich das verstehen, denn das Fußballspiel ist ein Kampf, ohne allen Zweifel, sogar ein harter Kampf, und es spricht hier noch der Umstand, daß trotz dieses „Kampfes“ das Fußballspiel immer mehr Anhänger gewinnt, dieser Sport ein wirklich die Herzen höher schlagen lassendes und ein für Körperstählung unermeßliches Moment ist.

Ich bin auch nicht der Ueberzeugung, daß der Zuschauer ein höheres Wesen sein soll, daß er sich nicht vom ganzen Herzen freuen soll, wenn „sein“ Verein einen Erfolg davonträgt. Aber ich kann es mit meinen gesunden fünf Sinnen einfach nicht begreifen, daß solche Auswüchse, wie ich selbst schon dutzendmal beobachtet habe, vorkommen, daß Schiedsrichter verprügelt werden, daß Vereinsfanatiker Andersdenkende tätlich angreifen, und weiß der Teufel, was noch vorkommt. Sind das Sportsjünger, sind das Sportsfreunde, die ein Interesse daran haben, ein schönes Spiel zu sehen? Nein, gewiß nicht, das sind Wesen, verwandelt mit Tieren!

Woran liegt es? Was ist der Grund dieser Ausschreitungen? „Vereinsfanatismus“ sagen viele! Ich denke kaum daran, daß allein dieser Umstand genügt, solche Vorkommnisse zu entschuldigen. Ein tieferer Grund ist viel naheliegender: das ist die Unkenntnis, die bodenlose Dummheit des Publikums, oder besser: „solchen“ Publikums.

Alle Achtung habe ich vor den Leuten, die, eingeladen zum Besuch eines Wettspiels, mir antworten: „Ich gehe nicht hin, ich verstehe nichts davon!“ Da weiß man doch, woran man ist. Solche Leute wollen etwas von einem Spiele haben, wollen wirklich den tiefen Gedanken des Fußballspiels ergründen. Es liegt doch so nahe, zu glauben, daß allmählich „jeder“ etwas vom Fußballspiel versteht. Wer glaubt das? Ich möchte ihn kennen? Greife man doch mal einen Zuschauer heraus und frage ihn, was er über das Spiel für Ansicht hat! Die Haare, selbst wenn man fast keine mehr haben sollte, stehen zu Berg! Einfach bodenlos dumm! Stupid!

Eine moralische Berechtigung zum Besuch eines Wettspiels hat nur der, der die Regeln kennt und der hat dann später auch das Recht, sich beim Schiedsrichter zu beschweren. Nehmen wir doch Beispiele aus dem praktischen Leben: Was habe ich davon, wenn ich in ein Konzert gehe und habe keinen Schimmer vom Aufbau eines Musikstückes! Was nützt es mir, wenn ich eine Maschine besichtige und bin chemisch rein vom Wesen des Dampfes, der Elektrizität?

Es ist ein Unding zu glauben, daß die Zeit, dies viele Besuchen, einen wirklich vorteilhaften Eindruck hinterläßt. Ich bin der festen Ueberzeugung, daß wir unwiderstehlich einem schiefen Ende zutreiben, daß unsere ganze Fußballbewegung unter dem Einfluß dieses Despoten der Unkenntnis verwässert, und daß der ganze tiefe Gedanke dieses Spiels, der Körperstählung, der Unterordnung unter ein Gesetz, ausgeschaltet wird und weiter nichts mehr ist als ein „Stauchen“. Sind wir dazu verdammt? Können wir Fußballjünger, wir, die fast ihr alles sehen, in dem geliebten Sport, können wir das zulassen? Ist es nicht genug, wenn eine schwarze Zukunft unseres Sports uns bevorsteht, wenn ernste Schläge an das Haus des deutschen Fußballebens pochen?

Unterrichtet, mündlich, durch die Presse, durch Uebersendung von Schriften eure Vereinsmitglieder, aktiv und passiv! Wir müssen aus diesem Sumpf herauskommen! Schiedsrichter, brecht das Spiel ab, wenn solche Ereignisse einzutreten drohen! Macht den Platzverein verantwortlich und gebt ihn der Oeffentlichkeit preis! Spieler, seid nicht hitzig, ringet ehrlich mit dem Gegner, spielt und habt Achtung vor dem Gegner, wenn er euch besiegt, aber auch wenn ihr ihn besiegt!

Alle aber denkt daran, was der Dichter sagt!
Leidenschaft sind schäumende Pferde,
Angespannt an den rollenden Wagen,
Wenn sie entmeistert sich überschlagen,
Zerren sie doch durch Staub und Erde.
Aber lenkest du fest die Zügel
Wird ihre Kraft dir selbst zum Flügel
Und je stärker sie reißen und jagen
Um so herrlicher rollt der Wagen!

Im Rheintalblog veröffentlicht am 16.11.2011

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Christian Bub
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