Notizen aus dem Archiv

Recherche-Zwischenbericht: Wormatia in den 20ern

Autos rattern an, Wiesbadener kommen damit und die Bahn bringt weiter hunderte von Anhängern des feudalen Sportvereins. Die bringen eine großstädtische Atmosphäre mit auf den Platz, fremdartige Parfüme (ja, denn die Weiblichkeit ist prozentual stark vertreten) und neue Kostüme. Auch die Herren geben sich Mühe, möglichst blasiert und siegessicher dreinzuschauen, manch naseweißes Jüngelchen führt große Reden von Sieg und gar welch hohem Sieg…

[…] Jetzt bricht Gelb durch die Barriere, sie springen aufs Feld, die Kurstädter […]. Lang lassen die Wormser auf sich warten, im Publikum wirds langsam siedendheiß. Stürmisch aber erwartungsvoll ist dann der Beifall, als sie kommen.

[…] Gleich im Anstoß brandet Wormatias erste Angriffswelle vor, Ball zu Völker, dann zu Siegler. Schiedsrichterball, aus. Das gleiche Bild wie im vergangenen Jahr. Rasendes Tempo, Angriff auf Angriff. Siegler verschießt aufgeregt zweimal, Karl Wolf und Ludwig Müller können dann gemeinsam das Tor nicht finden. Die erste Ecke. Abgewehrt. Wieder kommt von links ein Angriff vor, Wolf ist im Besitz des Balles zuletzt, schießt vor, legt sich dann im Strafraum den Ball zurecht und wird dafür von einem Wiesbadener Verteidiger ebenfalls „zurecht“ gelegt. Elfmeter. Ludwig Müller baut ihn in die Kiste. Minutenlanges Rasen im Publikum. Wiesbaden wacht auf. Schickt Angriffe vor, aber das Andante dieser Vorstöße wird von den wuchtigen und hoch berechneten Furiososchlägen der Wormser Hintermannschaft zerstört. Gott, haben die Müller heute einen Tag! Fabelhaft! Und Gispert ist mit allen Nerven und Sinnen bei der Sache. Doch vorerst erhält er noch keine eigentlich gefährlichen Sachen.

Elan der Kurstädter erlahmt bald wieder. Bald wieder hat Wormatia sich vom freudigen Schreck erholt. Schumann, Mittelläufer, schafft wie besessen vor mit dem Ball zum Sturm, auf die Flügel. Und immer brenzlicher wird es vor Rischers Kiste. Aber der beweist heute seinen Ruf, zu den drei besten Hütern in Süddeutschland zu zählen. Fällt manchmal bitter hinter sich um, aber noch im Fallen reckt er die Arme hoch – und hat den Ball! Dann – jetzt scheint aber das zweite Tor zu glücken, ganz allein ist Siegler durch, schießt scharf, Rischer klatscht ihn an den Ball, gelber Verteidiger schlägt ihn ins Feld zurück, aber nicht weit genug, wieder kommt er zu Ludwig Müller, wieder scharfer Schuß, wieder landet er in Rischers Arm. Aus diese beiden Chancen. Dann schafft Wiesbaden sich wieder durch. Seck knallt ein gefährliches Ding an die Latte, ja, auch Glück muß der Bessere haben.

Immer heißer wird der Kampf. Hartmanns ganz hingegebenes Gesicht, schweißtriefend, das nichts mehr sieht als Ball und Spiel, ist ein Symbol für die ganze Wormatiamannschaft, die von dem einen Drang beseelt ist. Sieg gegen den Erbfeind! Ich erinnere mich da auch an Schumanns Abwehr, als er den Ball ins Gesicht bekam und doch noch halb besinnungslos nach taumelte, um sich Gewißheit zu verschaffen daß wieder Sicherheit! Verteilter wird dann das Spiel bis Seitenwechsel.
[…]

Wenn man auf solch grandiose Berichte stößt, macht die Recherche besonders Spaß! Richard Kirn verdanken wir diese Berichterstattung zum 2:1-Sieg gegen den SV Wiesbaden am 13. September 1925. Worms hatte damals 40.000 Einwohner, 2000 Zuschauer wollten das Duell am Schweißwerk gegen den „Erbfeind“ sehen. Herzliche Abneigung verband beide Vereine und deren „Fanatiker“, das gleiche galt zumindest auf Zuschauerebene auch für das Derby gegen Alemannia Worms. Und wer noch an das Klischee von damaligem fairem Sportsgeist und kultiviertem Publikum glaubt, hat keine Vorstellung von der feindlichen Atmosphäre auf den Rängen, wenn Wormatia in Griesheim zu Gast war. Die Wiesbadener Presse gab dem „fanatischen Publikum“ die Schuld am 2:1-Sieg Wormatias, was Richard Kirn so nicht stehen lassen konnte: „Noch lange nicht mitfiebernd genug ist unser Publikum! Man komme auf andere Sportplätze, nach Mainz, nach Mannheim! Aber derselbe Leitartikler wird bei anderer Gelegenheit halb neidig über die Ekstase berichten, in die die Zuschauer in Spanien und Italien geraten und über die Anfeuerung die sie ihren Nationalmannschaften und Clubmannschaften entgegenbringen.“ Ach, die Diskussionen über das Fanverhalten. 90 Jahre alt… Aber genug hierzu, Ihr Schlusswort Herr Kirn? „Solange noch Menschen und nicht Automaten die Barrieren umstehen, wird Begeisterung da sein und Anfeuerung – und das ist gut so!“

Nicht gut zu sprechen war Wormatia auch auf den Verband, der seine Strafen sehr seltsam verteilte. Nach Platzverweisen für Bubi Müller und Karl Völker wegen Reklamierens wurden beide sofort für ein Vierteljahr gesperrt. Richard Kirn bezeichnete das als skandalös, auch weil Spieler anderer Vereine noch wochenlang „frei“ herumliefen, bis sie eine Strafe ereilte. Im Gegenzug wurde die Strafe für ein Vergehen Atlant Kiefers aus dem Januar erst im September (!) geahndet, just als die Pflichtspiele wieder losgingen. Zwei Monate Sperre gab es hier, während ein Wiesbadener für das gleiche Vergehen mit einer kleinen Geldstrafe davonkam. Überhaupt, die Wiesbadener! Man munkelte, diese würden 1600 Rentenmark monatlich an Spielergehältern zahlen. Und Geld fürs Fußballspielen zu kassieren galt als äußerst niederträchtig. Berufsspielertum! Ein Schimpfwort. Das galt auch für Mainz 05, bei denen Anfang der Zwanziger auf dem Platz überwiegend berlinert wurde. Auffällig viele gute Fußballer waren da plötzlich von Berlin nach Mainz gezogen…

Man merkt, dass ich die Recherche über das Dritte Reich erst einmal hinter mir gelassen habe und nun bei den Zwanzigern angelangt bin. Wie wunderbar, dass mir hierfür komplette Jahrgänge der MSZ als PDF vorliegen. Fast alle Ergebnisse von 1920 bis 1926 habe ich gefunden und mittlerweile in die Datenbank eingetragen. Leider hat Richard Kirn erst ab 1924 die Berichterstattung übernommen, zuvor hatte der Verein selbst Spielberichte an die MSZ geschickt. „Leider“ deshalb, weil der Verein im Gegensatz zu Kirn grundsätzlich auf die Angabe der Aufstellung verzichtete und im Text auch nur die Positionen nannte. Das 1:0 schoss dann „der Mittelläufer“ auf Vorlage des „Halblinken“. Da hat man schon sämtliche Spielberichte und kann trotzdem keine Spielerstatistik anlegen… Die meisten dürften mit „Mittelläufer“ nichts anfangen können, an dieser Stelle daher einmal eine kleine Einführung in den Fußball der Zwanziger Jahre.

Status Quo bis in die späten Fünfziger war das Spielsystem 2-3-5 („Schottische Furche“). Die Aufstellungen wurden daher so notiert: Torwart (No. 1) – Rechter Verteidiger (2), Linker Verteidiger (3) – Rechter (Außen)Läufer (4), Mittelläufer (5), Linker (Außen)Läufer (6) – Rechtsaußen (7), Halbrechter (8), Mittelstürmer (9), Halblinker (10), Linksaußen (11). Anhand der Rückkennummern kann man erahnen, wie sich die Positionen im Laufe der Zeit verschoben haben (siehe hierzu auch den informativen Wikipedia-Artikel). Der Mittelstürmer hatte – zumindest bei Wormatia – die Aufgabe, den Ball für seine Sturmkollegen aufzulegen. Bezeichnenderweise waren die beiden größten Wormatia-Goalgetter Ludwig Müller und Willi Winkler auf Halblinks bzw. Rechtsaußen zu finden. Beim 7:1 gegen Hassia Bingen war Winkler fünffacher Torschütze, da kann ich gleich mal den „Rekorde“-Bereich ergänzen.

Anders als heute ist natürlich auch die Sprache in der Berichterstattung. Wo heute das Durchbrechen eines Stürmers verhindert wird, wurde damals der „Durchbrenner“ gestoppt. Des Torwarts „Heiligtum“ ist heute schlicht das Tor, auf das damals unaufhörlich „Bomben“ abgefeuert wurden. Und wer gut spielte, „enttäuschte nach der angenehmen Seite hin“. Der Elfmeter hieß Elfmeter, der Freistoß aber „Strafstoß“ (anfängliche Verwirrung garantiert!). Typische Phrase: „Bald war die eine, dann die andere Seite im Vorteil.“ Die Berichte hatten teils Liveticker-Format: Wer Anstoß hat, dass der erste Angriff im Aus landete, die Erwähnung jeder einzelnen Ecke, jedes Torschusses – alles drin. Nur die Zuschauerzahl wurde selten genannt. Bei Wormatia-Heimspielen fanden sich offenbar regelmäßig zwischen 1000 und 1200 Besucher ein, was zu sehnsüchtigen Blicken nach Wiesbaden oder Neunkirchen führte, die 3000-5000 Zuschauer anlockten. Das war allerdings bevor Wormatia ihren ersten Meistertitel in der Bezirksliga holte.

Man muss sich vor Augen führen – die Bezirksliga bedeutete erstklassigen Fußball. Höher gings nicht im Süddeutschen Fußballverband. Neben Wormatia gab es sieben weitere Mannschaften in der Bezirksliga Rheinhessen/Saar, sodass jede auf 14 Punktspiele kam. Nach einer 2-4wöchigen „Spielsperre“ (Freundschaftsspiele wurden nur in Ausnahmefällen genehmigt) im Juli ging es im September mit den Punktspielen los, im Dezember, spätestens Januar, war man damit auch schon durch. Der Meister traf dann auf die Meister/Vizemeister der anderen Bezirksligen, die in einer erneuten Achtergruppe den Süddeutschen Meister ausspielten. Und der durfte dann zur Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Wer es nicht zur „Süddeutschen“ schaffte, für den begann im Januar die Runde der Freundschaftsspiele. Jeden Sonntag bis zum Juni wurde gespielt, oft mit gegenseitigen Besuchen, also freundschaftlichem Hin- und Rückspiel. Wormatia versuchte, nahmhafte Gegner nach Worms zu locken, um dem sportinteressierten Publikum für die 0,80 bis 1,20 Rentenmark Eintritt auch etwas zu bieten. Trainiert wurde wöchentlich, einen ausgewiesenen Trainer (Sportlehrer) hatte Wormatia nicht mehr und wandte weiterhin das unter Karl Willnecker Gelernte an. Das reichte, um den Erstligisten Wiener AC mit 2:1 zu besiegen und dem Deutschen Meister 1.FC Nürnberg ein 1:1 abzutrotzen. Beides auf dem heimischen Platz, denn der Heimvorteil hatte damals noch einen deutlich größeren Wert und Auswärtssiege waren etwas ganz Besonderes. So gabs am Schweißwerk eine 8:0-Klatsche für Borussia Neunkirchen, dafür ging man in Neckarau 1:8 unter. An den schwankenden Leistungen hatte auch die Änderung der Abseitsregel Schuld, denn darauf konnte sich die Mannschaft so ganz ohne professionelle Anleitung nicht richtig einstellen. Daher wurde 1926 Ex-Nationalspieler Ludwig Philipp vom ASV Nürnberg als Spielertrainer bzw. „Technischer Leiter“ verpflichtet – und prompt ging es bergauf. Dort ist meine Recherche jetzt angekommen, ich hoffe auf spektakuläre Berichte zur ersten Meisterschaft und zu den Spielen um die Süddeutsche.  

Im Rheintalblog veröffentlicht am 24.04.2012

Archivar

Christian Bub
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