Notizen aus dem Archiv

Mammut-Projekt abgeschlossen: Vollständige Digitalisierung der Stadionzeitung

Es war einer meiner ältesten Pläne für das Wormatia-Archiv und nun ist es endlich geschafft: Die Digitalisierung aller Stadionzeitungen. Insgesamt 646 Hefte, 21.664 Seiten, 6 Gigabyte, 6 Monate Arbeit. Ein solches vom Aufwand her noch größeres Projekt als die Chronik (work in progress) verdient einen Beitrag im Blog, dachte ich mir. Hier also für den interessierten Leser das „Making of“!

Seit Mitte der Neunziger habe ich die Hefte nach dem Stadionbesuch aufgehoben, ältere Ausgaben bei ebay erstanden oder dank hilfsbereiter Fans Kellerfunde vor der Altpapiertonne gerettet. Fein säuberlich in Klarsichthüllen und schwarze Ikea-Kartons verpackt, stehen sie auf dem Wohnzimmerschrank.

Ein lange gehegter Gedanke: Wäre das nicht toll, wenn man die alle eingescannt als durchsuchbare PDF hätte? Für die jüngsten Jahre kein Problem, die Dateien lagen fix und fertig auf den Festplatten der Druckerei und nach freundlicher Nachfrage kurze Zeit später auch auf meiner. Für die Zeit von 1977 bis 2009 aber müsste ich schon selber ran… Vor zwei Jahren glaube ich, während meines Urlaubs, hatte ich testweise einfach mal mit dem allerersten Jahrgang 1977/78 angefangen. 18 Hefte in DIN A5 mit jeweils acht Doppelseiten waren einzuscannen und daraus mit kostenlosen Tools entsprechende PDFs zu basteln. Ein ziemlicher Aufwand, und wenn nach ein paar Ausgaben der „Scan-Arm“ anfängt zu schmerzen, auch nicht mehr sonderlich spaßig. Aber wenn man sich ab und zu mal hinsetzt, langfristig durchaus machbar. Wie (zeit-)aufwändig dies angesichts knapp 500 noch zu scannender Hefte tatsächlich wäre, wollte ich in der letzten Sommerpause mal genauer herausfinden.

Die ältesten DIN A5-Hefte waren noch recht dünn, die erwähnten acht Doppelseiten in einer Viertelstunde gescannt und als jpg abgespeichert. Dazu noch das Erstellen der PDF, Hochladen der Datei, Eintrag auf der Homepage – mit einer halben Stunde Aufwand pro Heft musste ich kalkulieren. Allerdings sind diese ja im Laufe der Jahre immer dicker und aus acht irgendwann vierzig Doppelseiten geworden. Der Gedanke an mehr als eine Stunde durchgehend am Scanner für ein einziges Heft war wirklich nicht motivierend. Aber selbst wenn es pro Stück nur die erwähnte halbe Stunde Aufwand wäre… bei rund 500 Heften kommt was zusammen. Wenn ich zwischen Spielberichten, Homepagepflege und all den anderen Dingen noch Lust hätte, mich ohne Auszeit jeden Sonntag für drei Stunden an den Scanner zu setzen, dann bräuchte ich für alles anderthalb Jahre. Mindestens. Halbwegs realistisch erschienen mir da eher drei Jahre.

Mir wurde klar – so wird das nie was. Der Scanvorgang musste irgendwie delegiert werden; hinterher überprüfen und verarbeiten sollte dann zu schaffen sein. Ich überlegte mir eine finanzielle Schmerzgrenze für einen solchen Auftrag mit geschätzt 10.000 Seiten. Könnte ich mir ja selbst zu Weihnachten schenken oder Spenden sammeln, was man sich halt so für Rechtfertigungen einfallen lässt, wenn verständnislose Blicke von Freundin und Familie drohen…. Nach den ersten Recherchen und Anfragen sah es eher ernüchternd aus, aber dann fand ich den wirklich überaus günstigen „german dataservice“ aus Bad Salzdetfurth. Testweise schickte ich den Jahrgang 1980/81 hin, verbunden mit dem Wunsch nach nicht allzu großen Dateien, ich wollte ja nicht unseren Server mit 50 GB zuballern. Das Ergebnis sah gut aus – fertige PDFs mit Texterkennung! Allerdings schwarz-weiß. Zumindest das Titelbild mit der roten Wormatia-Sonne hätte ich gerne in Farbe gehabt. Und dann müssten die scanbedingten Leerseiten raus. Und diese eine Seite war ungünstig abgeschnitten. Das kam wohl doch etwas zu perfektionistisch rüber, denn verbunden mit der fitzeligen Scan- bzw. Sortierarbeit – die Hefte damals waren nicht geklammert, die Doppelseiten nur ineinander gelegt – hatte der Firmeninhaber angesichts des drohenden Aufwands kein allzu großes Interesse mehr an den restlichen Jahrgängen…

Daran wollte ich das Projekt nun aber wirklich nicht scheitern lassen. Ich vereinbarte, zumindest die am heimischen PC nur schlecht zu scannenden, aber immerhin geklammerten A4-Jahrgänge aus den letzten Amateur-Oberligajahren um 1990 herum zu beauftragen, um anschließend mal weiterzusehen. Ich investierte in ein 30 Euro teures Update meines PDF-Programms, so konnte ich die Leerseiten selbst entfernen oder fehlerhafte Seiten selbst ersetzen (aus heutiger Sicht: Warum nur hab ich all die Jahre mit eingeschränkten kostenlosen Versionen herumgewurstelt?). Auch diese Jahrgänge brachten ein gutes Ergebnis (mit farbiger Titelseite!) und ich konnte zu meiner Freude eine dritte Sendung nach Bad Salzdetfurth schicken, den 20kg schweren Rest. Die vier übrigen ungeklammerten und daher besonders aufwändigen Jahrgänge übernahm ich selbst, dafür legte ich die noch nicht digitalisierten „Wormatia kommt“-Ausgaben mit ins Paket.

Während ich die Ergebnisse der ersten beiden Lieferungen noch vom Firmenserver herunterladen konnte, erreichte mich der große Rest auf einem USB-Stick. Blöderweise waren die hunderten Einzel-PDFs darauf allesamt fehlerhaft. Ich schob es auf meinen wählerischen Laptop, vielleicht hatte auch der Stick eine Macke. Weil sich aber das ebenfalls auf dem Stick gespeicherte Rohmaterial, verpackt in drei tausende Seiten große PDFs, als fehlerfrei entpuppte, fackelte ich nicht lange und teilte dieses kurzerhand selbst in neue funktionierende Einzeldateien auf. Das kostete mich zwar ein ganzes Wochenende, dafür konnte ich aber auch gleich die Vollständigkeit überprüfen und mich ins PDF-Programm einarbeiten.

Als Anfang Dezember alle Hefte wieder bei mir eintrudelten, ging die Arbeit los. Wenn ich mir schon den Aufwand mache, dann wollte ich nur geprüfte und korrekte Dateien hochladen. Also: Jede einzelne PDF mit der jeweiligen Stadionzeitung abgleichen. Stimmt die Reihenfolge der Seiten? Fehlt etwas? Gibt es Scanfehler? Leere oder doppelte Seiten? Jede einzelne der mehr als 10.000 Seiten wollte gesichtet und alles (mich) störende korrigiert werden. Bei einer Hand voll Hefte war eine Doppelseite überblättert worden und ein paar Seiten fehlerhaft – zu 99% war aber alles in Ordnung und das eine Prozent recht schnell repariert. Weil mein Perfektionismus sich meldete, korrigierte ich aber auch den durch die automatische Seitentrennung nicht immer optimal erfolgten Zuschnitt und scannte auch Seiten mit zu starkem Kontrast nochmal neu. Winterpause, Urlaub – nach rund drei Wochen war ich mit der Kontrolle durch. Anschließend lud ich Jahrgang für Jahrgang auf unseren Server, erstellte Übersichtsseiten für die Homepage, verlinkte die Dateien fein säuberlich, wies fehlende oder nie erschienene Ausgaben aus und fasste die Geschichte unserer Stadionzeitung zusammen. Als letztes scannte ich den noch fehlenden Jahrgang 1984/85 sowie ein paar Einzelhefte und Anfang Februar war ich nach ungefähr 50 Arbeitsstunden endlich mit allem fertig.

Besonders gefreut habe ich mich über die Unterstützung des Vereins, die beileibe nicht selbstverständlich ist. Marketing-Vorstand Gert Bickel hatte mir schon letztes Jahr eine Teilfinanzierung meines Vorhabens zugesichert. Umso größer meine Freude, dass der Verein am Ende die Rechnung komplett übernommen hat. Ich verstehe das als klare Wertschätzung meines ehrenamtlichen Engagements und sage an dieser Stelle nochmal ein herzliches Dankeschön!

Als Ergebnis steht nun ein komplettes Online-Archiv der vereinseigenen Stadionzeitung, was ziemlich einzigartig sein dürfte in Deutschland. Zumindest bei den mir bekannten guten Archiven habe ich derartiges nicht gefunden. Das von Eintracht Frankfurt ist am dichtesten dran, hat aber nur die Titelseiten im Angebot. Neben den ausführlichen Datenbanken also ein weiteres Alleinstellungsmerkmal des Wormatia-Archivs, das ohne falsche Bescheidenheit zu den umfangreichsten Online-Archiven des deutschen Vereinsfußballs zählt.

P.S.: Fehlende Ausgaben habe ich extra mit „Ausgabe fehlt“ dargestellt, damit ich nen Überblick habe, wonach ich bei ebay noch suchen muss, um die Sammlung zu komplettieren. Und wenn der ein oder andere Leser davon noch was im Schrank, Keller oder Dachboden hat, würde ich mich über eine Nachricht freuen!

Im Rheintal-Blog veröffentlicht am 05.02.2017

Archivar

Christian Bub
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