Notizen aus dem Archiv

Klubfanatismus – Ein Beitrag zur Psyche der Vereinsenthusiasten

Das Rheintal präsentiert Teil 2 der Reihe „Fußballfanatismus im Jahre 1920“. Wieder in der Mittelrheinischen Sportzeitung abgedruckt (28.09.1920), analysiert diesmal Dr. Richard Soukup aus Wien ausführlich die „Psyche der Vereinsenthusiasten“. Einmal mehr merkt man bei der Lektüre dieses historischen Beitrags zur Fußballkultur, dass sich in den letzten 90 Jahren nicht allzu viel geändert hat, sondern Details höchstens aktualisiert wurden. Damals stellte man sich „stundenlang vor Redaktionen an“, um das Endergebnis seines Vereins zu erfahren, heute sitzt man gespannt vor dem Liveticker (oder vor einigen Jahren noch vor dem Videotext). Es sind einige Passagen, die auch in einem Nick Hornby Roman vorkommen könnten oder sich gut für eine Signatur in einschlägigen Foren eignen:

„Seine Begeisterung trägt ihm nicht das geringste ein, im Gegenteil, sie verursacht ihm wiederholt, nein, permanent (unbezahlte!) Aufregung, Verduß, Enttäuschung, nicht selten Kummer. Allerdings oft auch Freude, Genuß, Vergnügen. Es ist eine Art sonderbarer Treue, wenn nicht gar Liebe, die den wirklichen Klubfanatiker vor anderen Menschen auszeichnet. Wenn er es mit seiner einmal getroffenen Wahl ernst nimmt, dann spielt er nicht einmal mit dem Gedanken, seine Farben zu wechseln. Das würde ihn seiner eigenen Verachtung ausliefern.
Wie anders stehen da eigentlich die meisten Spieler da, deren Bindung an den Klub – wie man glauben sollte – doch eine bei weitem engere ist.“

Wie wahr, wie wahr…

Es ist eigentlich ganz merkwürdig. Leidenschaften, mögen sie in ihrem schließlichen Effekt noch so sehr divergieren, haben letzten Endes doch immer ein konkretes Objekt bzw. Eine sichtbare oder doch wenigstens vorstellbare Beziehung. So zum Beispiel die Spielsucht, die Wettleidenschaft, die beide im Gewinntrieb und dessen möglichem Effekt ihre Wurzel haben, die Sammelleidenschaft, die an dem Bewußtstein, etwas nun endlich im Besitz zu haben, ihre Befriedigung findet, von den Leidenschaften der Sinne erst gar nicht zu reden. Jeder diesen Leidenschaften Unterworfene hat ein plastisches Ziel, das seinem Bestreben die entscheidende Richtung gibt.

Der Sportfanatismus jedoch (wohl zu unterscheiden von der Sportbetätigung) entbehrt eines derartigen Zieles ganz. Er ist, wenn man ihn nicht gerade mit der Sucht, sich einen bequemen Nervenkitzel zu verschaffen, in ursächlichen Zusammenhang bringen will, ohne Zweifel ein Rest idealer Art der Befriedigung des Bedürfnisses, der freien Zeit eine Bestimmung zu geben.

Dieser Sportfanatismus nun, der einen gewissen pathologischen Einschlag nicht verleugnen kann und der gerade bei Fußball am klarsten (wenn man so sagen darf) und in seinen bizarren Formen in Erscheinung tritt, ist in seinen Konsequenzen, die genau genommen eigentlich Inkonsequenzen sind, derart interessant, wenn nicht gar rätselhaft, daß es sich wohl der Mühe verlohnen mag, sich mit ihm etwas eingehender zu beschäftigen.

Ich behaupte es ruhig, ohne mir einer Uebertreibung bewußt zu werden und ohne Widerspruch zu erwarten: Es gibt im Leben – von der Wucht der Eindrücke von Kunstereignissen vielleicht abgesehen – kaum etwas, das imstande wäre, den Menschen in seiner gewohnten Art und in seinem hergebrachten Gehaben, in seinen Aeußerungen und Empfindungen derart zu verändern und diesen Veränderungen schließlich noch den Charakter von etwas sonst vielleicht bequem, anspruchvoll – vielleicht sogar träge und schier Gewolltem zu geben – wie eben der Klubfanatismus, wie die Summe der Erscheinungen und Begebnisse, die die Begeisterung für „seinen“ Klub in dem Begeisterten auslöst.

Wenn schon der von Natur aus nüchterne, auf sein Phlegma eingebildete, durch kaum etwas für längere Zeit oder merklich aus seiner Ruhe zu bringende Engländer oder Amerikaner zu einem völlig andern wird, wenn es um Sport, sportliche Wettkämpfe, um das Schicksal, um die Erfolge seines Vereins geht, so sollte es uns, die wir doch leichtblütiger und bei weitem empfänglicher sind, erst recht nicht wunder nehmen, wenn unsere Sportenthusiasten über die Stränge schlagen.

Nicht einmal der Einwand darf gelten, daß dieser Narkose des normalen Empfindens, wie ich die Befangenheiten des Klubfanatikers nennen möchte, in erster Linie die Jugendlicheren unter den Zuschauern verfallen. Das stimmt nämlich nicht. Es sind zum größten Teil die Erwachsenen (allerdings eher die in mittleren Jahren), welche diese allsonntägliche Metamorphose auf sich nehmen müssen… Müssen! Damit ist alles gesagt. Sie werden nicht gefragt, es kommt elementar über sie. Irgend etwas in ihnen diktiert: Ihr habt nun andere zu sein! Und – sie werden andere. Sonst vielleicht bequem anspruchsvoll, vielleicht sogar träge und faul, stehen sie, wenn es nur ein halbwegs wichtiges Match gibt, ruhig zwei bis drei Stunden in Hitze, Kälte oder gar Regen, recken hunderte Mal die Hälse hierhin und dorthin, vergessen auf jeden Imbiß, horchen nach rechts und links, wenn sie nur irgend etwas, vielleicht etwas ganz Belangloses über „ihren“ Klub hören, sind zu energischem Widerspruch, der gegebenenfalls auch zur Akvokatenrede werden kann, jederzeit bereit, wenn man diesen ihren Klub oder dessen Spieler zu kritisieren wagt usw.

Sonst vielleicht vorsichtig und mehr als sorgfältig in der Auswahl ihres Umganges, unterhalten sie sich offensichtlich mit Vergnügen, wenn nicht gar freundschaftlich, mit dem minder gebildeten Nachbar, wenn dieser sich nur zum gleichen Klub bekennt wie sie selbst. Der Komplex ihrer sportlichen Empfindungen und Eindrücke ist auf ein einziges Objekt abgestimmt. Und dieses ist – ihr Klub. Das besagte Interesse überträgt sich naturgemäß automatisch und in vervielfachtem Maße auf die Spieler dieses Klubs, auf deren Privatleben, Schicksale, Erlebnisse, Wohlbefinden, auf die Würdigung und Kritik, die sie seitens der Allgemeinheit oder Gegner erfahren. Alles aber, was vom Gegner kommt oder den Gegner betrifft, wird mit bewußtem Mißtrauen aufgenommen, ist für alle Fälle ein Verstoß und unterliegt vernichtender Kritik. Die vorurteilslosesten Menschen verlieren da ihre richtige Urteilskraft, verleugnen sozusagen ihre sonst wahrscheinlich entgegengesetzte moralische Veranlagung. Sie können sich von dem flammenden Gefühl – Anhänger zu sein – eben beim besten Willen nicht los machen. Und gar, wenn ein Goal erzielt oder der Sieg errungen wurde, dann hält sie überhaupt nichts mehr zurück. Die Ruhigsten, Besonnensten fallen da, zumindest auf Augenblicke, aus ihrer Rolle. Sie schreien halbe Minuten lang – was sie sonst vielleicht nicht einmal auf Kommando tun würden – Goal! Goal! Goal! werden womöglich heiser dabei, schwenken Hüte, werfen sie in die Höhe, umarmen den aus gleichem Grund enthusiasmierten Nachbar, strampeln wie die Kinder mit den Füßen, daß die Tribünen dröhnen, als käme ein Erdstoß daher, tragen Spieler, die sich ausgezeichnet haben, auf den Schultern hinaus, drohen dem Schiedsrichter oder schützen ihn mit eigener Gefahr – je nachdem – stellen sich stundenlang vor Redaktionen an, um die Resultate, die von auswärts kommen sollen, zu erfahren, und wenn sie eine Zeitung in die Hand nehmen, dann ist es in erster Linie immer die Sportrubrik, die sie interessiert und in dieser wieder vor allem das, was ihren Klub betrifft. Man könnte den Versuch machen und diesen Fanatikern an Wochentagen – in lichten Momenten – Photographien vorzeigen, auf denen die Art und Weise, wie sie sich am Sonntag aufgeführt haben, festgehalten ist – sie würden glatt bestreiten, sich derart aufgeführt zu haben. So absurd würde ihnen das alls vorkommen.

Wenn man sich nun versucht fühlte, diesen Gefühlen und Gefühlsäußerungen, die alle die Note des Grotesken tragen, auf den Grund zu gehen, so müßte man von folgenden Betrachtungen ausgehen. Fußball ist (vom Standpunkt des Zuschauers natürlich) ein Sport, der wie kaum einer (ganz im Gegensatz z.B. zur Leichtathletik) die Massen zu interessieren versteht, der das Moment der Ungewißheit des Ausganges ganz besonders unterstreicht und die diversen geheimen Vereinbarungen, wie wir sie heutzutage bei Ringkämpfen, Rennen usw. leider nur zu oft konstatieren müssen, schon deshalb negiert, weil das Kampfmoment, wie bereits bemerkt, für ihn eine conditio sine qua non ist. Dieser Sport suggeriert wie nicht bald ein anderer, und das Interesse, das den einen beherrscht, teilt sich mit seiner ganzen Hartnäckigkeit wie ein Bazillus dem zweiten, den anderen mit. Alle, die den gleichen Klub erwählt haben, bilden unwillkürlich eine Front, wie sie das schlagwortreichste, politische Programm nicht herzustellen imstande wäre, eine Front, die sich durch jedes Glied der Gegenfront automatisch provoziert fühlt, der es daher an Anlässen zur Aktivität nie gebricht.

Merkwürdig! Bei aller Sucht, das Leben immer mehr in die Kulissen des Realen zu zwängen, ist doch jedem von uns eine Art idealer Ader geblieben, die mit Hartnäckigkeit irgendein Objekt sucht, an dem sie sich ausleben, für das sie sich betätigen kann. Dieses Objekt nun findet der Sportenthusiast in seinem klub. Seine Begeisterung trägt ihm nicht das geringste ein, im Gegenteil, sie verursacht ihm wiederholt, nein, permanent (unbezahlte!) Aufregung, Verduß, Enttäuschung, nicht selten Kummer. Allerdings oft auch Freude, Genuß, Vergnügen. Es ist eine Art sonderbarer Treue, wenn nicht gar Liebe, die den wirklichen Klubfanatiker vor anderen Menschen auszeichnet. Wenn er es mit seiner einmal getroffenen Wahl ernst nimmt, dann spielt er nicht einmal mit dem Gedanken, seine Farben zu wechseln. Das würde ihn seiner eigenen Verachtung ausliefern.

Wie anders stehen da eigentlich die meisten Spieler da, deren Bindung an den Klub – wie man glauben sollte – doch eine bei weitem engere ist. – – –

Im Rheintalblog veröffentlicht am 06.12.2011

Archivar

Christian Bub
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