Notizen aus dem Archiv

"Hertha, wir warten!"

Die ersten beiden Spiele in der Regionalliga Südwest sind absolviert und Wormatia ist, um die Startschwierigkeiten einmal positiv zu formulieren, noch ungeschlagen. Jetzt können wir uns erstmal ohne schlechtes Gewissen voll und ganz dem DFB-Pokalspiel gegen Hertha BSC widmen. Sechs Mal sind sich Wormaten und Herthaner schon begegnet, zunächst in zwei von Mäzen Winfried Heyn an Land gezogenen Freundschaftsspielen 1976 (0:2) und 1977 (1:1). Die letzten beiden Begegnungen stammen aus der Zweitligasaison 1981/82, hier gabs eine 1:2-Niederlage in Berlin und einen 1:0-Heimsieg, mit dem sich Wormatia bis heute aus der Zweitklassigkeit verabschiedet hat. Und dazwischen, ja, da gab es schon einmal ein Zusammentreffen im DFB-Pokal…

„Hertha, wir warten!“ tönte es von den Rängen am Alsenweg, wo die Wormaten gerade 1:0 beim SV Waldhof führten. Nach glänzendem Saisonstart war man gut dabei im Aufstiegsrennen in die Bundesliga, da leistet man sich als Fan gerne mal ein wenig Übermut. Eine Woche später war das Warten vorbei. Die 1. Runde des DFB-Pokals bereits überstanden (4:2 gegen VfB Remscheid), sammelten sich nun am 23.09.1978 im Wormatia-Stadion 10.000 Zuschauer für die Zweitrundenbegegnung gegen Hertha BSC. Im Tor stand Thomas Zander, zwei Jahre zuvor noch in Diensten der Hertha, woraus sich eine dieser hübschen kleinen Pokalgeschichten ergeben sollte. „Kampf, Technik, alles was ein Fußballherz begehrt“ hatte der Kicker gesehen, eine leicht überlegene Wormatia, was sich auch im Eckballverhältnis von 9:3 widerspiegelte. Im Mittelfeld schaltete der kleine Horst Raubold Berlins Nationalspieler Erich Beer aus, Peter Klag blieb Punktsieger gegen Gegenspieler Rainer Blechschmidt und Gerd Dier lief Dieter Nüssing immer wieder davon. Berlins Henrik Agerbeck machte keinen Stich gegen Wally Günther und falls doch mal etwas durchkam, war Thomas Zander zur Stelle. Erst in der 11. Minute berührte Zander erstmals den Ball, bis dahin hatte Egon Bihn schon eine dicke Torchance und Berlins Holger Brück fast ein Eigentor fabriziert. Nach einem Foul an Dier ging Wormatia durch Werner Seubert per Elfmeter verdient in Führung, konnte danach trotz Überlegenheit aber nicht nachlegen. Zwanzig Minuten vor Schluss hatte sich die Hertha langsam dem Ausgleich angenähert, bis Bernd Gersdorff per Fallrückzieher schließlich das 1:1 erzielte. Peter Klag traf per Kopf noch die Latte, dann ging es in die Verlängerung. Hier war dann „ausgerechnet“ Thomas Zander der Held, der in der 115. Minute einen Foulelfmeter seines ehemaligen Mannschaftskollegen Brück parierte. Wie damals üblich, folgte kein Elfmeterschießen, sondern ein Wiederholungsspiel in Berlin.

Das Wiederholungsspiel am 4. Oktober passte Berlins Trainer Kuno Klötzer überhaupt nicht, denn nun hatte man zwei englische Wochen hintereinander (Mittwochs musste Hertha noch zum UEFA-Cup-Rückspiel nach Plovdiv). Gute Voraussetzungen für Wormatia, die ihr Punktspiel vor dem Wiederholungstermin mit 6:0 gegen den FC Augsburg erfolgreich gestaltete, während die Berliner 2:3 beim MSV Duisburg verloren. Zudem fehlten Hertha die verletzten Erich Beer und Jürgen Milewski. 150 Wormser Fans waren per Bahn, Auto und Flugzeug mit nach Berlin gereist und – standen abends vor den verschlossenen Toren des Berliner Olympia-Stadions. Das Spiel fiel aus.

Dem Bauaufsichtsamt Charlottenburg war im Olympia-Stadion mittags ein Defekt an der Notstromversorgung aufgefallen. So einwandfrei das Flutlicht selbst auch funktionieren mochte, laut Veranstaltungsordnung hieß es: Kein Notlicht, kein Spiel. Die herbeigerufenen Techniker konnten den Fehler nicht finden und so musste das Spiel abgesagt werden. Wormatia wurde erst Stunden später informiert, als man bereits auf dem Weg ins Stadion war. Öffentlichkeit und Fans vor der Toren erfuhren erst 20 Minuten vor dem eigentlichen Anpfiff davon. Trainer Krautzun schickte seine Elf trotzdem auf den Rasen und ließ so lange trainieren, bis die Berliner das Licht abstellten.

Obwohl Hertha BSC selbst nichts mit der Absage zu tun hatte, hegten selbst Berliner Medien den Verdacht der Manipulation. Wormatias Winfried Heyn legte auch sogleich Einspruch gegen die Absage ein. Wäre denn nicht genug Zeit gewesen, das Spiel in ein anderes Stadion zu verlegen? Ein Spiel vor leeren Rängen wäre möglich gewesen, doch schon aus finanziellen Gründen kam das für Wormatia überhaupt nicht in Frage. Eine Spielverlegung auf den nächsten Tag war wegen des nächsten Punktspiels nicht möglich. Unverrichteter Dinge ging es zurück nach Worms.

Der Einspruch hatte, erwartungsgemäß, keinen Erfolg. Sonderlich ernst genommen fühlt sich Wormatia vor Gericht nicht, der mitgebrachte Sachverständige wurde nicht einmal angehört. Es blieb bei einer Neuansetzung des Wiederholungsspiels am 7. November. Die wiederum war angesichts Wormatias Spielplan derart unglücklich terminiert, dass ernsthaft erwogen wurde, nur die Amateure nach Berlin zu schicken. Große Chancen rechnete man sich sowieso nicht aus, da Seelmann, Lubanski, Raubold, Wilhelmi und Dier fehlten. Weiteren Zündstoff bot die Personalie Thomas Zander, denn die klamme Hertha wollte für diesen von Wormatia noch 50.000 Mark Ablöse, statt des eigentlich vereinbarten Ablösespiels. Außerdem habe man den Anteil an den Einnahmen aus dem Pokalspiel in Worms noch nicht erhalten, was Wormatia entschieden zurückwies und im Gegenzug sogar 5.000 Mark zurückforderte. Sportlich lieferte Wormatia wieder eine hervorragende Partie ab, verlor aber 0:2. So war für Wormatia in Berlin Pokal-Endstation, in der nächsten Runde hätte ein lukratives Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach gewunken. Apropos lukrativ: Von den Einnahmen aus dem Wiederholungsspiel sah Wormatia keinen Pfennig.

Also liebe Wormatianer – da ist noch eine sportliche Rechnung offen!
Sonntag, 19. August, 14:30 Uhr: Ab ins Stadion!

Anhang
Wer sich mal richtig einlesen will: Hier habe ich eine PDF mit allen Presseartikeln von damals zusammengestellt. …und hier ist die Stadionzeitung des Wiederholungsspiels.

Im Rheintalblog veröffentlicht am 12.08.2012

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Christian Bub
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