Notizen aus dem Archiv

Ein Tag im Stadtarchiv – Recherche zur Saison 1941/42

Den vergangenen Freitag konnte ich dank Urlaub für ausgedehnte Recherchen nutzen, also hatte ich mich einmal mehr im Wormser Stadtarchiv einquartiert. Ich möchte mal kurz berichten, was ich da eigentlich so mache. Von 10 bis 17 Uhr war dies hier mein Arbeitsplatz:

Das Gerät, das in diesem kleinen Kabuff zu sehen ist, ist ein sogenannter "Reader-Printer" – zu deutsch "Mikrofilm-Rückkopiergerät". Der Name erklärt auch schon die Funktion: Auf Mikrofilm gebannte Dokumente können gelesen und ausgedruckt werden. Man kennt das aus Krimis und Horrorfilmen, wenn die Hauptdarstellerin investigativ nach ungeklärten Mordfällen sucht und alte Zeitungen durchscrollt. Ich durchsuche ebenfalls alte Zeitungen, allerdings nach Wormatia-Artikeln. Das ist je nach Zeitung und Jahr mal frustrierend, mal äußerst erfolgreich.

Zunächst ein kurzer Überblick über die Wormser Zeitungslandschaft der Vorkriegszeit. Die Wormser Zeitung, heute einzige kostenpflichtige Lokalzeitung, hatte damals noch einige Gesellschaft. Ab 1901 erschienen die katholisch-konfessionellen "Wormser Nachrichten", zwischen 1932 und 1936 unter dem Namen "Wormser Echo". Die sozialdemokratische "Volkswacht" war von 1920 bis zum Verbot der Nazis 1933 auf dem Markt. Nachrichten/Echo und Volkswacht spielten allerdings keine große Rolle und sind für meine Zwecke auch weniger geeignet. Interessanter ist die "Wormser Volkszeitung", dem großen Gegenspieler der WZ. Diese erschien von 1898 bis zur Fusion mit der WZ 1936 und hatte in den 20er und 30er Jahren eine Auflage von 8-10.000 Stück täglich, sieben Tage die Woche. Das hatte sie der hervorragenden "Mittelrheinischen Sportzeitung" (MSZ) zu verdanken, die als Beilage zwei Mal die Woche enthalten war.

Tja, und das ist mein Pech! Die Jahrgänge 1923 bis 1926 beispielsweise liegen zwar komplett vor, doch die MSZ fehlt zu 99%. Das führt dazu, dass ich zwar immer schön die Vorberichte entdecke, aber anschließend mit Glück nur das Ergebnis in Erfahrung bringen kann. Das ist ein Problem, mit dem ich im Vorfeld nicht gerechnet hatte… Genauso wenig hatte ich allerdings damit gerechnet, dass ich aus den Kriegsjahren großartig etwas recherchieren kann. Zu meiner Überraschung liegt jedoch die "Wormser Tageszeitung" von 1939 bis 1944 vollständig vor. Die WTZ erschien erstmals 1924 und war zunächst völlig bedeutungslos, wurde dann jedoch dank ihres deutschnationalen Kurses 1933 zum Amtsverkündigungsblatt. Was auch erklärt, warum diese von 1935 bis 1945 fast vollständig vorliegt. Zeitweise war sie nach der Einstellung der WZ im Jahre 1943 die einzige Zeitung in Worms. Da ich gerade in den Kriegsjahren recherchiere, ist die WTZ meine erste Wahl. Hier finde ich zuverlässig zahlreiche nützliche Artikel, zudem sind die Spielberichte wortgleich mit denen der WZ. Am Freitag war die Saison 1941/1942 an der Reihe. Sehen wir uns einmal das Mikrofilm-Rückkopiergerät aus der Nähe an.

Die schwarze Rolle unter dem Bildschirm enthält den Mikrofilm (in diesem Fall die Wormser Tageszeitung von Juni bis Dezember 1941), dieser führt unter dem Objektiv hinweg nach rechts auf eine Spule. Mit dem Hebel unter der Spule kann ich die ganze Aparatur vor und zurück schieben, was hoch und runter auf dem Bildschirm entspricht. Der Regler weiter rechts vor dem grauen Kasten (der das Kopierpapier enthält) spult den Film vor und zurück. Der Regler am Monitor hat je nach Einstellung die Funktionen vergrößern/verkleinern, scharf stellen und drehen. Auf dem Bildschirm kann ich bequem die Negative von zwei Doppelseiten der Zeitung sehen. Entsprechend scharf gestellt, kann ich so mittlerweile recht zügig die Zeitung nach interessanten Artikeln "abscannen". Spielberichte drucke ich aus (der grüne Knopf rechts unten), alle anderen weniger wichtigen Artikel fotografiere ich direkt vom Bildschirm ab. Das funktioniert mit meiner NIKON D90 (Einstellung: Dokumentenkopie) erfreulich gut und reicht für meine Zwecke völlig aus.

Auf diese Weise durchforste ich dann eine komplette Saison von Juni bis Juli, was ca. 5-6 Stunden, also normalerweise zwei Freitagnachmittage dauert (den hab ich – öffentlicher Dienst – normalerweise frei). Doppelt so lange brauche ich übrigens, wenn ich die Zeitungen "richtig" per Hand durchblättere. Zuhause dauert die Auswertung des Materials dann nochmal etwa 7-8 Stunden. Auswertung heißt: Alle Artikel durchlesen, Spieldaten in die Datenbank eintragen, Spielerstatistiken anfertigen und ebenfalls in die Datenbank eintragen.

Nichts Spektakuläres also, vielmehr eine Fleißarbeit. Soweit mir bekannt ist, gibt es Spieldaten aus der Gauligazeit allerdings nur vereinzelt zu sehen (Eintracht Frankfurt und Fürth haben ein hervorragendes Online-Archiv), von daher ist das auch Pionierarbeit.

Das Ergebnis von Freitag, die komplette Saison 1941/1942, ist bereits auf wormatia.de zu sehen:
– alle 8 Freundschaftsspiele
– alle 3 Tschammerpokal-Spiele
– alle 10 (9) Spiele der Gauliga Hessen-Nassau
– Liste der eingesetzten Spieler

Ab Dienstag (immer noch Urlaub) geht es mit der Saison 1942/43 weiter, von der ich am Freitag immerhin schon mal Juli und August durchsehen konnte. 1943/44 folgt am Mittwoch, 1944/45 am Freitag und dazwischen gibt es noch einen kurzen Besuch im Fotoarchiv. Dann sollte ich mich endlich Teil zwei der Chronik widmen, der zwar schon weitgehend fertig war, aber nochmal eine Generalüberholung braucht. Nachher (oha, schon so spät) steht aber erstmal der Trainingsauftakt auf dem Programm. Dann ist die Gegenwart wieder wichtiger.

Im Rheintalblog veröffentlicht am 26.06.2011

Archivar

Christian Bub
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