Notizen aus dem Archiv

Die Einweihung des Denkmals im Wormatia-Stadion 1928

Ich tippe interessante Artikel ja gerne einfach mal ab, die ich bei meiner Recherche entdecke. Diesmal ist es ein Ausschnitt aus dem Artikel „20jähriges Jubiläum des VfR Wormatia“ aus der Wormser Zeitung vom 6. August 1928. Darin wird detailliert die Einweihung des Denkmals im Stadion beschrieben, welches heute ja relativ versteckt an einer anderen Stelle als ursprünglich konzipiert steht.

Eingeweiht wurde das Denkmal am 5. August 1928 – nicht 1938, wie man angesichts der entsprechenden Reden dazu denken könnte. Antiquiert und fast schon belustigend patriotisch wirkt der deutschtümelnde Pathos, der schon in den Zwanziger Jahren verbreitet war, aus heutiger Sicht. Wenn man nicht wüsste, wozu sich dies in den Folgejahren entwickelt hat.

„Der zweite Tag der Jubiläumsveranstaltungen begann um 11 Uhr mit der feierlichen Enthüllung des Ehrenmals für die Gefallenen. Die Mitglieder und Freunde des Vereins hatten sich zahlreich zu der erhebenden Feier eingefunden, die der Posaunenchor der „Festen Burg“ mit dem „Niederländischen Dankgebet“ eröffnete. Der Gesangverein „Sängerquartett Worms“ sang dann Schuberts „Heilig“. Weihevolle Stille herrschte, als der Präsident, Herr Rechtsanwalt Luley, die Gefallenen des Vereins ehrte. Wenn auch schon 10 Jahre seit Kriegsende verflossen seien, so gedächten die Glieder des Vereins ihrer Gefallenen heute doch noch mit der gleichen Verehrung und Trauer als zur Zeit, da sie ihr Leben hingaben für Volk und Vaterland, für Heimat und Familie. Unsere Toten werden nie vergessen werden. Ihr Andenken werde stets in uns lebendig bleiben. Ihnen zu Ehren sei das Denkmal erstellt, das er jetzt seiner Bestimmung dem Verein übergebe.

Herr Pfarrer Bernbeck nahm dann die feierliche Enthüllung und Weihe des Ehrenmals vor. Eine ernste Feier führe uns heute zusammen. Der Abstand vom Weltkrieg werde größer und größer. Aber immer noch laste das Leid auf uns. Auch heute gelte es Rückschau zu halten. Die Straße, die wir gegangen seien, führe vorbei an den Trümmern einer Welt, die uns heilig war, führe vorbei an den Trümmern einer Volksgemeinschaft. Unendliches Leid habe der Krieg über die Menschheit gebracht. Beklage das deutsche Volk doch alleine 2 Millionen Tote. Sie mahnen uns immer wieder aufs Neue: Deutsches Volk, vergiß deine Toten nicht. Sie sind nicht vergessen. Solange die deutsche Treuer währt, solange die deutsche Zunge klingt, wird man anderer gefallenen Helden gedenken. Rund 100 Mitglieder Wormatias waren hinausgezogen, um zu kämpfen für des Vaterlandes Ruhm und Ehre. 25 sind nicht wieder heimgekehrt. Ihre Namen sollen besonders den Mitgliedern in dauernder Erinnerung bleiben. Fester noch als in Stein sollen sie in Euren Herzen geschrieben stehen. „Dem Vaterlande dienen wir, wenn wir zu spielen scheinen“. Dies Wort ist gleichsam die Ueberschrift über alle leibliche Betätigung. Ein gesundes Geschlecht müsse herangebildet werden. Denn Ausdauer und Willenstärke sind Notwendigkeiten des Lebenskampfes, Die Heranbildung einer Jugend, die sich ihre Ideale nicht nehmen lasse, das sei eine der Hauptaufgaben, die die Führer der Jugend heute zu bewältigen hätten.“

Doch genug der ganzen Reden, wie sah das Denkmal denn damals aus?

„Mit dem weihevollen Vortrag des Chores „Frieden“ durch das Sängerquartett fiel dann die Hülle vom Denkmal. Der Vorsitzende, Herr Georg Völker, übernahm es für den Verein zu treuen Händen. Herr Schumann legte für die Ligamannschaft, Herr Klingenmeyer für die übrigen Aktiven und Herr Rehm für die Jugend- und Schülerabteilung Kränze nieder. Für die Brudervereine sprachen unter gleichzeitiger Kranzniederlegung die Herren Ewald für Alemannia und Schenk für Olympia. Auch der Verein für Bewegungsspiele Leipzig [dieser bestritt im Anschluss ein Freundschaftsspiel gegen Wormatia] widmete durch seinen Reisebegleiter den Gefallenen einen Kranz.

Damit hatte die schlichte, aber erhebende Feier ihr Ende gefunden. Das Ehrenmal ist hervorragend schön gelungen. Es steht in der Längsachse des Haupteingangs zum Spielfeld und schließt den vorderen Teil der Sportplatzanlage architektonisch ab. Zu beiden Seiten ist es durch Freitreppen flankiert, die der Denkmalsanlage die Breite von 20 Metern geben. Es ist in Muschelkalk gehalten, von Herrn Helbig = Groß-Gerau entworfen und von der Firma Hippler u. Werner ausgeführt. Die beiden je sechs Meter breiten Freitreppen schließen einen großen Block ein, der die Inschrift „Unseren Helden“, sowie die Namen der Gefallenen trägt. Dieser Block trägt einen Sockel, der wiederum einen Fußball von 1,20 Mtr. Durchmesser trägt. Der Sockel besteht aus einem kleinen, zweistufigen Unterbau und einem achteckigen Prisma, das auf vier Seiten von schräg stehenden Pfeilern flankiert wird. Das Ganze macht einen außerordentlich schönen Eindruck und wird nun noch gärtnerisch umrahmt.“

Im folgenden Absatz bestätigt sich meine bisherige Erkenntnis, dass das Stadion damals keinen besonderen Namen hatte:

„Worms ist um eine Sehenswürdigkeit reicher geworden, wie überhaupt der neue Wormatiasportplatz unserer Stadt zur Zierde gereicht. Noch ist er nicht ganz fertiggestellt. Doch bietet er sich heute schon in einem Gewand, das zu erkennen gibt, daß dieser Sportplatz zu den schönsten der näheren und weiteren Umgebung zu zählen ist. Die tiefrot angelegte Außenfront mit dem wuchtig wirkenden hohen Haupteingang, der in dunkelgoldenen Lettern den Namen „Stadion des VfR Wormatia 08″ trägt und hinter den sich, den Eingang flankierend, die Kassenhäuschen, ebenfalls in dunkelrot gehalten, anschließen, steht mit den im oberen Teil dunkelgrün, im unteren bunt gehaltenen Kontrollhäuschen (die Kassenanlage ist übrigens sehr zweckmäßig), farblich in gutem Kontrast. Der Blick fällt dann in gerader Linie auf das in grauem Muschelkalk gehaltene Ehrenmal, das, wenn erst einmal die gärtnerischen Anlagen fertiggestellt sind, dem vorderen Teil des Sportplatzes einen hervorragenden Abschluß geben wird. Die Sicht auf den eigentlichen Sportplatz ist durch die hohe Nordkurve vollständig verdeckt.“

Wenn der Neubau in der Nordkurve kommt, muss das Denkmal wieder weichen und versetzt werden. [Edit 2018: Der Neubau wurde wegen der Laufbahn nie realisiert] Das Denkmal ist das letzte Überbleibsel des ursprünglichen Wormatia-Stadions, wie es 1928 durch die Mitglieder eigenhändig erbaut wurde. Alles andere wurde bereits beim Neu- und Ausbau 1939 wegmodernisiert, die Haupttribüne zwangsweise 1986 abgerissen. Ach, es wäre ein Traum, wenn man die ursprüngliche Denkmalanlage wieder andeutungsweise herstellen könnte. Wo gibt es denn in Zeiten von Stadionbauten aus dem Baukasten solche Anlagen noch?

Im Rheintalblog veröffentlicht am 25.05.2012

Archivar

Christian Bub
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