Notizen aus dem Archiv

Der vergessene Verein: Fußballklub Emden 1914 Worms

Ich dachte eigentlich, es könnte mich nur noch wenig überraschen, was die Wormatia-Geschichte angeht. Intensive Recherche hat Licht ins Vorkriegsdunkel gebracht, wie z.B. die Gegebenheiten im Dritten Reich rund um die Fusion zum RTSV Wormatia. Ein dunkles Loch bleiben bislang nur noch die Anfangs- und Kriegsjahre von 1908 bis 1919. Unbekanntes kann eigentlich nur noch dort schlummern. Glücklicherweise veröffentlicht das Stadtarchiv im Zuge des Weltkriegsjubiläums die Kriegsjahrgänge der WZ als PDF. Erschienen sind bislang die Jahre 1914 und 1915. So klappt die Recherche bequem vom heimischen Sofa aus und ich muss mich dort nicht mehr stundenlang vor das ermüdend monoton summende Lesegerät setzen. Einige Jahrgänge der Zeitschrift „Fußball“ bieten zudem sehr vertiefende Infos.

Beim Scrollen durch über 2.000 Zeitungseiten lichtet sich nun teilweise der Nebel der Fußballjahre 1914 und 1915. Die Infos sind spärlich, aber umso größer ist die Freude, wenn mir das ein oder andere Testspiel-Ergebnis in die Hände fällt (der Punktspielbetrieb ruhte kriegsbedingt). Etwas fremd wirken die Gegner: Union Mundenheim, Viktoria Feudenheim, Hertha Mannheim oder der sperrig benamte Fußball- und Lawn-Tennisklub Worms. Auf letzteren trafen die Wormaten erstmals am 9. Juli 1915. 20 Pfennig Eintritt (entspricht heute etwa 70 Cent) kostete die Begegnung im Kasernenhof (Prinz-Carl-Anlage), ein Benefizspiel zu Gunsten des Roten Kreuzes. Das „Rückspiel“ bot etwas Diskussionsstoff, daraus mache ich noch einen Extra-Beitrag… Und dann stieß ich auf den Fußballklub Emden 1914 Worms.

Von diesem hatte ich erstmals Anfang 2012 gehört, als ein Fußballhistoriker-Kollege mich nach der Existenz dieses seltsamen Vereins fragte. Völlig unbekannt war mir dieser und wir einigten uns darauf, dass es den „FC Emden Worms“ bestimmt gegeben haben mag – was auch immer es damit auf sich hat. Danach las oder hörte ich nie wieder etwas dazu. Bis jetzt.

Am 8. April 1915 wird von einem „Fußballwettspiel“ des „erst kürzlich gegründeten jüngsten Wormser Fußballklub Emden“ berichtet. 11:1 siegte die „jugendliche Emdenmannschaft“ gegen Palatia Ludwigshafen. Ich erinnere mich wieder an die Frage von damals, mache mir Notizen für den Kollegen und achte mit einem Auge auf weitere Infos. Auch in den Folgewochen ist immer wieder mal von dieser Mannschaft die Rede, die offenbar Spaß am Fußball hat und reihenweise Freundschaftsspiele gewinnt. „Man wünscht der jungen Wormser Mannschaft allgemein sehr viel Glück zu ihrem weiteren Bestehen, damit der ehrenvolle Name lange Zeit in der Wormser Fußballchronik erhalten bleibt.“, schließt der Bericht. Doch was hat es denn mit dem „ehrenvollen Namen“ auf sich?

Pate stand in der kriegsbegeisterten Zeit ganz offensichtlich die SMS Emden. Der kleine Kreuzer der Kaiserlichen Marine ging 1908 vom Stapel, versenkte zwei Dutzend feindliche Schiffe und wurde als eines der auch international bekanntesten Schiffe des 1. Weltkriegs im November 1914 versenkt. Nochmal wahrscheinlicher wird diese These, wenn man bedenkt, dass die SMS Emden in Ostasien im Einsatz war. Ihr Stützpunkt war Qingdao (Tsingtau) an der chinesischen Ostküste, die Hauptstadt des deutschen Pachtgebietes Jiāozhōu. Letzteres war eingedeutscht als „Kiautschou“ bekannt – und spätestens jetzt sollten eigentlich jedem Wormser die Ohren klingeln.

Vereinsheim von Emden Worms war offenbar das Lokal „Alter Fritz“ in der Steinstraße 22, jedenfalls fand dort am 21.08.1915 die Generalversammlung des Vereins statt. Warum ich das alles schreibe und mich eingehend mit einem Fußballverein beschäftige, den absolut niemand kennt? Weil vier Tage nach der Generalversammlung eine Meldung erscheint, die meinen Pulsschlag beim Lesen in die Höhe trieb! Da steht, mit Datum vom 24.08.1915, ganz beiläufig im Anschluss an einen Bericht vom 10:0 Wormatias gegen FG Schifferstadt folgendes:

„Ein jeder Wormser Sportfreund kennt den spielstarken Fußballklub Emden. Verraten wollen wir nun, daß sich dieser Verein dem Fußballverein Wormatia angeschlossen hat. Durch diesen Zusammenschluß ist es Wormatia möglich, 4 Mannschaften ins Feld zu stellen. Es ist dies ein großer Vorteil für Worms, denn Wormatia nimmt einen der ersten Plätze im ganzen Mittelrheingau ein. Durch Spiele mit größeren Ligavereinen wird Wormatia zeigen, daß sie jedem gewachsen ist. […] Erwähnen wollen wir noch, daß die 2. Mannschaft unseres Vereins in Zukunft den Beinamen „Emdenmannschaft“ trägt.“

Die große Fusion 1922 mit dem VfR gehört zum Standardwissen des Wormatiafans, auch die vier Ursprungsvereine SC Wormatia, Teutonia, Viktoria und Union sind bekannt. Die RTSV-Episode wurde nach dem Krieg verdrängt und vom Übertritt der Alemannia wird nicht jeder gehört haben. Aber diese paar oben zitierten Zeilen belegen nun einen Teil Vereinsgeschichte, der nirgendwo sonst erwähnt wird (nicht mal in der Festschrift von 1928) und auch Experten vollständig unbekannt ist. Ich bin wahrscheinlich der Einzige, der diese Entdeckung als überaus spektakulär empfindet. Aber mit einem komplett vergessenen Verein als weiterer Keimzelle unserer Wormatia vor hundert Jahren habe ich überhaupt nicht gerechnet.

Weitere Infos:
Bordgemeinschaft der Emdenfahrer
Emdenfamilie

Im Rheintal-Blog veröffentlicht am 25.02.2015

Archivar

Christian Bub
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