Notizen aus dem Archiv

20 Fakten zum VfR Wormatia, die Sie (vielleicht) noch nicht kannten

Das berühmt berüchtigte Wormser Stadtmagazin WO! feierte 2015 sein 10-jähriges Jubiläum. Bereits seit einiger Zeit versuchte Chefredakteur Frank Fischer immer wieder mal, mich als (Gast-)Autor zu gewinnen. Regelmäßig winkte ich ab – hauptsächlich wegen Schreibfaulheit, ich fühlte mich aber auch nicht ganz wohl bei dem Gedanken, für ein Magazin zu schreiben, das öfter mal mit meinem Arbeitgeber im Clinch liegt.

Für das große Jubiläumsbuch mit eigenem Wormatia-Kapitel war es dann aber natürlich Ehrensache, einen Text beizusteuern. Irgendetwas mit kleinen interessanten Fakten hatte sich Frank gewünscht, ein Wormatia-ABC oder eine Art Top 10 auf einer Doppelseite. Heraus kam der Artikel: „20 Fakten zum VfR Wormatia, die Sie (vielleicht) noch nicht kannten“, den ich zwei Jahre später hier nun online stelle:

1. Die Gründungsgeschichte kann ein wenig unübersichtlich sein.

Basiswissen: Der VfR Wormatia ging 1922 hervor aus einer Fusion des FV Wormatia und des VfR 08.

Für Fortgeschrittene: Die vier „Gründungsväter“ waren SC Wormatia 08, FC Teutonia, FC Union und Viktoria 1912.

Profiwissen: 1938 trat Alemannia Worms bei und ab 1939 firmierte der Verein als Reichsbahn TSV Wormatia. Jahrzehntelang vergessen und erst kürzlich wieder bekannt ist allerdings der FC Emden 1914. Benannt nach einem 1914 versenkten weltbekannten Kreuzer der Kaiserlichen Marine, der SMS Emden, existierte der kleine Club nur ein halbes Jahr und schloss sich im August 1915 dem FV Wormatia an. Wormatias „1b“ trug danach den Beinamen „Emdenmannschaft“.

2. Was jeder wissen sollte: Wormatia ist die lateinische Variante von „Worms“. Und offiziell firmierte der Verein lange nur als „VfR Wormatia 08“. Vor Jahren belustigte in einem Internetforum allerdings ein gegnerischer Fan mit der Behauptung, die Wormatia habe gar keine Tradition, sondern sei ein schnöder Werksclub wie Bayer Leverkusen. Er hatte da nämlich eine Mühle namens „Wormatia“ entdeckt, die um die Jahrhundertwende herum Pfeffer produzierte. Der VfR sei daher ganz klar deren Betriebsmannschaft. Die schöne Theorie wäre ins Wanken geraten, hätte der junge Mann noch etwas weiter recherchiert. Dann wäre er vielleicht auf die Zigarettenmarke „Wormatia“ gestoßen, den gleichnamigen patentierten Hemdkragen, einen Fesselballon, ein Schuhgeschäft und eine Radrennbahn. Damals waren die Wormser eben sehr lokalpatriotisch.

3. Zum Fußball gehören Emotionen und Rivalitäten. Der heutige Wormatia-Fan denkt bei letzterem wohl an Eintracht Trier, Mainz 05 oder den FCK. Der früheste Rivale allerdings war, neben Alemannia Worms, der SV Wiesbaden. Eine derart herzliche Abneigung verband die beiden Clubs in den 20er Jahren, dass die Presse die Wiesbadener sogar als „Erbfeind“ bezeichnete. Da flogen in Worms auch schonmal Steine auf die Autos der angereisten Anhänger des „feudalen Sportvereins“ aus der Großstadt und in Wiesbaden fing sich erst der Schiri und dann die Wormser Mannschaft Prügel der ansässigen Zuschauer. Ähnlich unwillkommen waren die Wormaten auch damals schon in Mainz und ganz besonders in Griesheim.

4. Nicht unwahrscheinlich, dass damals schon den Wormaten ein herzliches „dreggischer Bachbutzer“ entgegen geschleudert wurde. Heute positiv genutzt, ist vielen die Herkunft des Begriffs nicht mehr bekannt. Damals arbeiteten rund zwei Drittel der Vereinsmitglieder Wormatias bei den Heyl’schen Lederwerken. Dort wurden die schlammigen, stinkenden Abwässer der Gerberei über die Eisbach in den Rhein geleitet. Und so kam einigen die nicht gerade angesehene Aufgabe zu, regelmäßig Abwasserkanal und Eisbach von den Rückständen zu reinigen.

5. Acht Verbandspokalsiege hat der VfR Wormatia angesammelt, drei Mal unterlag man im Finale. So richtig zu zählen scheinen dabei aber nur die Südwestpokalsiege. Dass Wormatia auch zweifacher Hessenpokalsieger ist, wird gerne unter den Tisch fallen gelassen. Der erste Titel wurde 1921 geholt mit einem 2:0-Sieg gegen den FV Biebrich, ausgerechnet auf dem Platz von Mainz 05. Publikum und Schiri waren nicht wohlgesonnen und so holte Wormatia nach zwei Platzverweisen und einer zerissenen Hose (!) den Pokal am Ende mit acht Mann.

6. Apropos Siege – der höchste Sieg der Vereinsgeschichte war ein 15:0 im Heimspiel gegen den FV Engers am 26. Februar 1950. Nur 1.000 Zuschauer waren Zeuge und sahen unter anderem je vier Tore von Helmut Müller und Fritz Hammer. Der höchste Auswärtssieg ist ganze hundert Jahre her, ein 10:0 am 26. September 1915 bei FuLTC Worms (Fußball und Lawn-Tennis-Club).

7. Wo es Rekordsiege gibt, sind auch Rekordniederlagen. Die höchste Niederlage war ein 0:10 – bei Kickers Offenbach (1943), auf dem Betze gegen den FCK (1947) und beim FSV Salmrohr (12. November 1983). Wobei sich Wally Günther („Ich hatte noch gar keinen Ballkontakt, da stand’s schon 0:2“) heute nicht sicher ist, ob man in Salmrohr nicht sogar elf Stück kassiert hat.

8. Wally Günther hält allerdings auch einen angenehmen persönlichen Rekord. Mit satten 460 Spielen [Korrektur 2017: 464] kann er die meisten Einsätze für Wormatia vorweisen, einen [fünf] mehr als Heiner Schmieh. Die meisten Tore hat ein Vorkriegsbomber erzielt, so viel steht fest. Allerdings fehlen gerade aus den 30er Jahren einige Daten. Wer sich die Torjägerkrone aufsetzen darf, wird sich erst nach weiteren Recherchen herausstellen. Beste Chancen haben Willi Winkler (mind. 168 [182] Tore) und Ludwig Müller (mind. 160 [165] Tore), auch Seppl Fath (mind. 62 Tore) ist noch nicht ganz aus dem Rennen.

9. Ein beliebtes Streitthema unter Fans ist immer die Trikotfarbe. Als vor Jahren erstmals auswärts Hauptsponsor-Blau getragen wurde, gab es erwartungsgemäßes Naserümpfen. Dabei war diese Entscheidung unfreiwillig traditionsbewusst, firmierte der FV Wormatia vor 1923 doch als „die Blauen“ in den Spielberichten. Nach der Fusion im gleichen Jahr waren dann Schwarz und Weiß die Farben Wormatias, bis der Verband 1929 Schwarz für die Schiedsrichter reservierte. Erst danach kam das heute noch gebräuchliche Rot zur Anwendung.

10. Jahrzehntelang pilgerten die Zuschauer ins Wormatia-Stadion, bis 2011 der Stadionname in EWR-Arena Worms geändert wurde. Aber stimmt es denn tatsächlich, dass bis in die Neunziger Jahre hinein unbewusster, aber offizieller Weise in der Adolf-Hitler-Kampfbahn gespielt wurde? Nun, ursprünglich hatte das 1927/28 erbaute Stadion keinen „offiziellen“ Namen. Spielte der VfR vorher auf dem „Wormatia-Sportplatz“, spielte er nun eben im „Wormatia-Stadion“. 1933 allerdings benannte der Vorstand im Rausch der nationalsozialistischen Machtübernahme das damals noch vereinseigene Stadion tatsächlich entsprechend um. Was jedoch von der Bevölkerung und nicht mal seitens der NSDAP konsequent verinnerlicht wurde. Nach dem Krieg, nun städtisch, kehrte man zum gewohnten Namen zurück. Irgendeinen Beschluss des Stadtrates gab es dazu allerdings nicht. Auch nicht 1954, als der Verein die Umbenennung in „Hans-Stein-Stadion“ beantragte, nach einem verstorbenen Vorstandsmitglied. Festgelegt wurde der Name erst in den Neunzigern, um den Streit zwischen Wormatia und Zweitnutzer TSG Pfeddersheim zu schlichten, ob es denn offiziell „Wormatia-Stadion“ oder „Stadion an der Alzeyer Straße“ heiße.

11. Ein Überbleibsel aus der Nazizeit sind allerdings die Kurven Nord und Süd, deren heute gesperrte Stehstufen beim Umbau 1939 gegossen wurden. Auch die Parkplätze vor dem Stadion und das Schwimmbad gehörten zum Plan der NSDAP, auch wenn beides erst in den Sechzigern realisiert wurde. Außerdem hätte es Tennisplätze, Schießstand und Aufmarschstraße geben sollen. Die damals gebaute Haupttribüne war bis 1985 in Benutzung, deren Holzaufbau übrigens noch von der allerersten Tribüne aus dem Jahre 1928 stammte.

12. Heute steht das einst prächtige Kriegerdenkmal etwas lieblos in der Böschung der Kurve. Eingeweiht wurde es zu Ehren der im Ersten Weltkrieg Gefallenen im Rahmen des 20jährigen Vereinsjubiläums am 5. August 1928 – und zwar mit Posaunenchor, Gesangsquartett, feierlicher Weihe und einem Freundschaftsspiel gegen den VfB Leipzig. Ursprünglich zentral hinter dem Tor gelegen, gehörten noch zwei Freitreppen auf beiden Seiten dazu, sodass die ganze Denkmalanlage einst 20 Meter breit war. In der Mitte ein Block mit den eingravierten Namen der gefallenen Vereinsmitglieder, auf dem sich das befand, was heute noch übrig ist: „Ein Sockel, der wiederum einen Fußball von 1,20 Mtr. Durchmesser trägt. Der Sockel besteht aus einem kleinen, zweistufigen Unterbau und einem achteckigen Prisma, das auf vier Seiten von schräg stehenden Pfeilern flankiert wird.“

13. Das Denkmal ist allerdings nicht der älteste Teil des Stadiongeländes. Das Clubhaus stand schon dort, als 1924 die dem Stadion vorhergehende „Wormatia“-Radrennbahn (keinerlei Bezug zum VfR) erbaut wurde. Davor befand sich an dieser Stelle ein Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkriegs für bis zu 2.000 Insassen. Stacheldraht und Baracken wurden Anfang der Zwanziger Jahre entfernt, das Dienstgebäude des Kommandanten blieb aber bestehen – und dient heute als Clubhaus.

14. Hinter dem Clubhaus befinden sich zwei Nebenplätze und ein Kleinspielfeld. Der Kunstrasenplatz feiert nächstes Jahr [2016] seinen zehnten Geburtstag, zuvor wurde dort jahrzehntelang auf Asche gekickt. Genauer gesagt seit 1949, denn in diesem Jahr wurde der Platz hergerichtet. Und wie hat man damals diesen Trainings-Hartplatz eingeweiht? Sekt, warme Worte und ein Testkick gegen die Stadtauswahl vielleicht? Nein, mit einem Freundschaftsspiel gegen Schalke 04 vor 8.000 Zuschauern, das Wormatia mit 3:0 gewann. Andere Zeiten.

15. Die Älteren werden sich erinnern, bis 1962 befand sich der Eingang zum Stadiongelände direkt an der Alzeyer Straße. Durch einen großen Eingangsbogen gelangte man auf den heutigen Parkplatz, wo sich damals noch die Kassenhäuschen und eine Wiese befanden. Und zwischen Stadion und Kassenbereich stand noch immer die alte Nordkurve von 1928, die zwar keine Funktion mehr hatte, aber eben immer noch das Kriegerdenkmal mit zwei Freitreppen beherbergte.

16. Mittlerweile eine beliebte Quizfrage – die Trikotwerbung. Es soll ja immer noch den ein oder anderen geben, der glaubt, bei Eintracht Braunschweig habe Jägermeister 1973 die Werbung auf der Spielkleidung eingeführt. Irrtum, Vorreiter in Sachen Kommerzialisierung waren bereits 1967 unsere Wormaten. „CAT“ prangte auf der Brust, das ausgeschriebene „Caterpillar“ auf dem Rücken. 5.000 Mark gabs dafür vom amerikanischen Baumaschinenhersteller, was zwar nicht verboten, aber eben auch nicht ausdrücklich erlaubt war. Nach zwei Wochen entschied der DFB jedoch, dass so etwas dem Ansehen des Sports schade und verbot fortan derartige Werbung in der Satzung. „Sportkleidung kann kein guter Werbeträger sein“, wusste schließlich damals schon der Trierische Volksfreund…

17. Einen ewigen Zuschauerrekord gab es im Heimspiel gegen den FCK im April 1950. 30.000 Zuschauer strömten ins Stadion, das nur dank Zusatztribünen und damals niedriger Sicherheitsstandards genügend Platz bot. Die Saison 1949/50 hält daher mit 6.231 Besuchern pro Spiel auch den höchsten Zuschauerschnitt. Die wenigsten kamen nicht etwa in der Verbandsliga, sondern in der Oberliga-Saison 2004/05 als man immerhin Achter wurde, aber die tollen dritten Plätze der beiden Vorsaisons nicht bestätigen konnte. 200 Zuschauer gegen Halberg-Brebach, als es um nichts mehr ging, sind Nachkriegs-Minusrekord.

18. Wenn der Rekord-Schnitt bei gut 6.200 liegt, waren die 7.000 Zuschauer, mit denen man für der ersten Zweitliga-Saison 1974/75 kalkulierte, ziemlich mutig. Tatsächlich kamen nur etwas mehr als 4.000, was ein großes Loch in die Kasse riss und am Ende den Lizenzentzug bedeutete. Unerheblich im Rückblick, da man es sportlich sowieso nicht schaffte. Die Stadtverwaltung hatte den VfR schon im März aufgegeben: „Die Wormatia ist abstiegsbedroht. Angesichts dieser Situation wird auf die weitere Bearbeitung meines Antrags keinen Wert mehr gelegt.“, stoppte Beigeordneter Pfister damals die Planung für eine lizenznotwendige Flutlichtanlage.

19. Die Sache mit der Lizenz war auch 1985/86 ein Problem. Gerade Südwestmeister geworden, durfte Wormatia nicht an der Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga teilnehmen, weil der Vorstand beim Lizenzantrag geschludert hatte. Unter anderem hatte man es versäumt, fristgerecht eine bestimmte Geldreserve nachzuweisen. Um das nachzuholen, stopfte man kurzerhand 100.000 Mark in einen Koffer und fuhr nach Frankfurt zum DFB. Dort platzte man in eine Sitzung der Funktionäre, packte den Koffer auf den Tisch und versuchte mit den Worten „Alla Ihr Buuwe, driggen mol e Aach zu.“ die Lizenz zu retten. Vergeblich.

20. Viele dürften noch das weiße Traditionstrikot mit Schnürung und dem roten Kragen im Schrank haben. Als es 2008 produziert wurde, nahm man ein nachkoloriertes Zeitungsfoto mit Zweikampfszene aus den 30er Jahren als Vorlage. Dummerweise war der abgebildete Spieler im weißen Trikot aber gar kein Wormate, sondern dessen Gegenspieler. Was also damals reproduziert wurde, war gar kein historisches Wormatia-Trikot, sondern das des Gegners – Mainz 05…

Im Rheintalblog veröffentlicht am 08.05.2017

Archivar

Christian Bub
E-Mail